"Bestandsaufnahme ernüchternd"

4. März 2006, 11:22
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Vernichtendes Resümee von Hickersberger nach Heimblamage gegen Kanada - Fehler in allen Bereichen - Prüfung für ÖFB-Team zu schwer

Wien - Seit Aschermittwoch weiß jeder in Österreich, dass Kanada nicht nur Eishockey, sondern auch Fußball spielen kann und das nicht einmal schlecht, und dass 828 Tage vor dem EURO-Beginn auf den EM-Gastgeber 2008 noch ein weiter, mit viel Arbeit verbundener Weg wartet. Josef Hickersberger versuchte nach dem peinlichen 0:2-Auftritt im Wiener Happel-Stadion auch am Tag danach nicht um den schlechten Brei herumzureden: "Die erste Bestandsaufnahme war sehr ernüchternd."

Schwere Prüfung

Natürlich hätte er sich zum Start seiner zweiten Ära als ÖFB-Teamchef ein anderes Resultat, eine andere Leistung, und ein besseres Spiel erwartet. "Aber ich habe der Mannschaft für den jetzigen Zeitpunkt, wo erst zwei Runden in der Meisterschaft absolviert sind, eine zu schwierige Aufgabe gestellt. Sie hat sie nicht erfüllen können", resümierte der Niederösterreicher, der von seiner Truppe ein offensives Spiel mit viel Ballbesitz in der generischen Spielhälfte hatte sehen wollen.

Ballverluste, langsames Umschalten,...

Dass es gegen die ambitionierter, spielfreudiger, geistig beweglicher, körperlich und technisch stärker agierenden Nordamerikaner, die völlig verdient gewannen, nicht klappte, lag an mehreren Dingen und vor allen an Mittelfeld und Verteidigung. Zu den Mankos zählten die vielen Ballverluste im Aufbau, das zu langsame Umschalten von der Offensive auf die Defensive, balltechnische Fehler und dass die Hausherren den Gästen - vor allem im Mittelfeld - viel zu viel Spielraum ließen.

 

"Außerdem hat vielen unserer Spieler die Praxis gefehlt, wodurch wiederum die Form litt. Dass Scharner und Pogatetz von der Fitness besser waren als die Heimischen, hat jeder gesehen", befand der Teamchef, für den an diesem Tag ein besseres Resultat nur bei einem anderen Spielverhalten möglich gewesen wäre. "Wir hätten etwas vorsichtiger agieren müssen, weniger angreifen sollen, dann hätten wir vielleicht weniger Probleme gehabt."

Zuversicht

An den zwei Gegentoren durch Weitschüsse gab er weniger der Abwehr als dem Mittelfeld die Schuld. Dieses hätte bei den "Rebounds" da sein müssen und sei zudem oft überlaufen worden. Hickersberger versuchte nach einer kurzen Nacht überhaupt nicht, etwas schönzureden, er stellte aber in Aussicht: "Wir werden besser werden, da bin ich zuversichtlich." Paul Scharner formulierte es so: "Jetzt stehen wir ganz unten, nun können wir starten."

Bestandsaufnahme, Analysen, Therapie

Der Teamchef betrachtet das erste Spiel noch als Bestandsaufnahme und nahm eine Anleihe aus der Medizin. Er sprach von einem "Patienten, dessen Röntgenbild eine Krankheit sehr gut gezeigt hat." In den nächsten Tagen würden Magnetresonanz-Untersuchungen durchgeführt, genaue Analysen erstellt und danach die Therapien vorgenommen. Besser werden müsse die Lauffreudigkeit, das aktive Freilaufen in der Offensive und das Zurück-Sprinten nach Ballverlust in die Positionen.

 

Stranzl als Zuschauer vor Ort

Vor dem nächsten Fitness-Test, am 23. Mai in Wien gegen WM-Starter Kroatien, hat "Doktor Hicke" eine achttägige Vorbereitung und damit mehr Zeit als diesmal, um seine Männer taktisch besser einzustellen. Zwei kleine Ereignisse eines kalten Fußball-Abends nahm Hickersberger erfreut zur Kenntnis. Der verletzte Stammspieler Martin Stranzl reiste von Stuttgart an, um bei der taktischen Besprechung dabei zu sein und später auf der Tribüne Daumen zu halten.

 

Anruf von Ivanschitz

"Das Interesse der Legionäre am Team ist sehr groß", kommentierte der Teamchef, der um 1.00 Uhr noch einen Anruf von seinem im Finish ausgewechselten Kapitän Andreas Ivanschitz erhielt. "Er wollte nach dem Spiel aufgetauchte Gerüchte, wonach er nicht mehr Kapitän sein wolle, aufräumen", erzählte der 57-Jährige. Der Salzburger kündigte für das Kroatien-Spiel an: "Wir müssen 90 Minuten kämpfen und Fußball spielen." (APA)

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    Hickersberger: "Wir hätten etwas vorsichtiger agieren müssen, weniger angreifen sollen, dann hätten wir vielleicht weniger Probleme gehabt."

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