Kanzler "ist wahrer ORF-Chef"

28. März 2006, 20:12
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Verlegerpräsident gegen ORF-Manager – ge­mein­sam gegen Betriebs­rat der Anstalt - Wrabetz: "Wir Medien streiten noch immer um die Sitzordnung auf der Titanic"

Nassforsch tritt Alexander Wrabetz auf, Sozialdemokrat und Kaufmännischer Direktor des ORF. Nassforsch für den Umstand, dass der schwarz-orange dominierte Stiftungsrat in sechs Monaten die ORF-Direktoren für die nächsten fünf Jahre bestellt.

Wrabetz wünscht sich in einer Debatte des Zeitungsverbands VÖZ bessere "Mechanismen, die die Unabhängigkeit des ORF von politischen Einflussträgern verstärken".

"Jugoslawischer Rest"

Ungewohnt deftig bedenkt er als Kandidat für die Wiederwahl den Betriebsrat. "Letzter Restbestand jugoslawischer Arbeiterselbstverwaltung" sei, "dass die Betriebsräte im ORF ihre eigene Geschäftsführung wählen. Das ist sicher einer jener Punkte, die bei einer ORF-Reform saniert gehören."

"Erweiterter Selbstmord" des ORF

In seltenem Gleichklang mit Wrabetz: Horst Pirker, Vorstandschef der Styria Medien AG (Kleine Zeitung, Die Presse, Sat.1 Österreich) und Präsident des Zeitungsverbandes. Pirker tröstet sich, dass der bürgerliche ORF-Betriebsratschef Heinz Fiedler (63) "beruflich nicht mehr so lange vor sich hat". Dessen Maxime laut Pirker: "Immer mehr Geld, immer mehr Leute, wohl erworbene Rechte konserviert." Das trage bei zum "erweiterten Selbstmord" des ORF.

Fiedler entgegnet, ihm gehe "ausschließlich um den Fortbestand eines gesunden ORF". Da müsse er Pirker, der sich den ORF einverleiben wolle, Dorn im Auge sein und Wrabetz, der sich "um höherer Weihen willen von den ORF-Demolierern benützen lässt".

Zurück zu Pirker: "Der wahre Chef des ORF ist immer der Regierungschef." Der hätte, welcher Couleur immer, "einen Vogel", schwächte er den ORF, weil er damit sich selbst schwächt. Damit einer Kanzler bleibt, müsse "der ORF so dreist wie möglich spielen, was der sich wünscht".

Kanzler wäre "deppert"

Die jeweils Regierenden "müssten deppert sein, wenn sie das Gegengeschäft aufgeben", sagt Pirker und meint: Für das Wunschkonzert in "ZiB" & Co. bekomme der ORF gut 400 Millionen Euro Gebühren und die Möglichkeit, immer kommerzieller, verwechselbarer mit Privaten zu werden. "Fatal" für den ORF, der so Gebühren und "Existenz aufs Spiel setzt".

Warum "erweiterter" Selbstmord? Weil der ORF mit seiner kommerziellen Programmierung und seinen Werbemöglichkeiten Private mit ins Verderben reiße, die so gegen ihn nicht aufkommen.

Präsentation "The Austrian Approach to Product Placement"

Wrabetz sieht das anders: Blockbuster brauche der ORF, um junge Zuschauer zu holen. Seine (gerade wieder gelockerten) Werbemöglichkeiten bewirbt er gerade bei anderen europäischen Anstalten: Mittwoch lud die Anstalt zur Präsentation "The Austrian Approach to Product Placement" auf den Küniglberg.

Wrabetz kann sich Gebühren für Private vorstellen: Förderung ihrer technischen Verbreitung nämlich. Sie können sich derzeit kaum leisten, was die ORF-Tochter ORS an digitaler Sendermiete verlangt.

Gegner Telekomriesen

Gemeinsame Gegner entdecken Pirker und Wrabetz nicht alleine in ORF-Betriebsräten: Telekomriesen drängten ins Mediengeschäft. "Und wir Medien streiten noch immer um die Sitzordnung auf der Titanic", seufzt Wrabetz. (Harald Fidler/DER STANDARD, Printausgabe, 3.3.2006)

  • Styria-Chef Pirker: "Der wahre Chef des ORF ist immer der
Regierungschef."
    foto: standard/cremer

    Styria-Chef Pirker: "Der wahre Chef des ORF ist immer der Regierungschef."

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