"Katrina": Regierung wußte im Vorfeld über Gefahr

5. März 2006, 19:57
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Videoaufzeichnungen von Sitzungen belegen Sorge von Verantwortlichen vor Hurrikan

Washington - Die Regierung von US-Präsident George W. Bush war internen Aufzeichnungen zufolge schon Tage vor dem Hurrikan "Katrina" über dessen massive Bedrohung informiert. Auf Videoaufzeichnungen von internen Besprechungen vor dem Wirbelsturm am 29. August 2005 ist zu sehen, wie Vertreter der US-Katastrophenschutzbehörde FEMA eindringlich vor verheerenden Auswirkungen für die Küstengebiete am Golf von Mexiko warnen.

1300 Todesopfer

"Katrina" setzte weite Teile von New Orleans weitgehend unter Wasser. Etwa 1.300 Einwohner kamen ums Leben, 2.000 gelten weiter als vermisst. Die Stadt hat sich von der Katastrophe noch immer nicht völlig erholt.

In einer Lagebesprechung am 28. August - einen Tag, bevor der Sturm die Küsten der US-Staaten Louisiana und Mississippi erreichte - zeigte sich ein Hurrikan-Experte äußerst besorgt darüber, ob die Dämme von New Orleans den Sturmfluten standhalten könnten. Der damalige FEMA-Chef Michael Brown brachte gegenüber Bush und Heimatschutzminister Michael Chertoff die Befürchtung zum Ausdruck, dass es möglicherweise nicht genügend Rettungskräfte gibt, um den Geflüchteten im Footballstadion Superdome zu helfen.

Bush: Behörden "bestens vorbereitet"

Bush, der damals auf seiner Ranch im texanischen Crawford Urlaub machte, ließ sich dort per Video von seinen Mitarbeitern unterrichten. Er hörte zu, ohne eine Frage zu stellen, und erwiderte, die Behörden seien "bestens vorbereitet".

Die Aufzeichnungen - Videobänder und Sitzungsprotokolle von insgesamt sieben Tagen, die der Nachrichtenagentur AP vorliegen - belegen, dass Experten auf lokaler und Bundesebene in den Vereinigten Staaten die Bedrohungen und einen möglichen Dammbruch durch den Hurrikan eingehend diskutiert hatten. Ihnen war ganz offensichtlich klar, dass der Sturm enorme Verwüstungen zur Folge haben würde. Der US-Präsident erklärte vier Tage nach "Katrina" dagegen, niemand habe den Dammbruch in New Orleans vorhergesehen. Später korrigierte er sich dahingehend, dass die Behörden zunächst fälschlicherweise angenommen hätten, die Dämme seien nicht beschädigt worden.

In der letzten Lagebesprechung vor dem Eintreffen von "Katrina" flehte Brown seine Kollegen regelrecht an, alles Erdenkliche zu unternehmen, um den Betroffenen zu helfen. Die Bundesbehörden müssten sich notfalls über Regelungen hinwegsetzen: "Macht es", forderte Brown, "Ich werde einen Weg finden, es zu rechtfertigen."

Brechen der Dämme befürchtet

Der Leiter des Nationalen Hurrikan-Zentrums, Max Mayfield, erklärte damals, auf Grund von Computersimulationen des Hurrikans seien zwar nur geringe Überflutungen in New Orleans zu erwarten. Später könnten Windböen und Sturmfluten jedoch dazu führen, dass die Dämme der Stadt brechen. Andere Experten äußerten sich besorgt, dass viele Einwohner noch nicht evakuiert worden seien. "Sie bringen keine Patienten aus den Krankenhäusern, keine Häftlinge aus den Gefängnissen und sie lassen die Hotels in der Innenstadt geöffnet", kritisierte der FEMA-Chef.

Sorge bereitete Brown auch der bauliche Zustand des Superdome, in den Tausende von Menschen flüchteten. Das Gebäude liege unter dem Meeresspiegel, und er sei nicht sicher, ob das Dach einem Hurrikan der Kategorie fünf standhalten könne. Die US-Regierung war nach der Katastrophe am 29. August in die Kritik geraten, weil sie zu langsam reagiert habe. Brown musste zurücktreten.

Heimatschutzministerium: Aufzeichnung nicht überbewerten

Das Weiße Haus und das US-Heimatschutzministerium forderten die Bevölkerung am Mittwoch auf, die Aufzeichnungen nicht überzubewerten. Der Sprecher des Weißen Hauses, Trent Duffy, erklärte, aus einer einzigen Lagebesprechung dürfe man nicht zu viele Schlüsse ziehen. Bush habe an mehreren Konferenzen zu "Katrina" teilgenommen, betonte er. Das Heimatschutzministerium ließ mitteilen, die meisten Protokolle seien schon vor Monaten dem Kongress für Ermittlungen zur Verfügung gestellt worden, sie enthielten nichts Neues. (APA/AP/AFP)

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    Am 28. Februar, einen Tag bevor Hurrikan "Katrina" New Orleans verwüstete, informierte der damalige FEMA-Chef Michael Brown (links) Regierungsmitarbeiter über die bevorstehenden Gefahren. Die Sitzung wurde per Video aufgenommen (Bild).

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