"Unis als Ausgangspunkt von Umstürzen"

9. August 2006, 10:11
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Der Leadsänger des A-Cappella-"Vocal Groove Projects" Bauchklang Andreas Fraenzl im Interview über ramponierte Stimmen, Oregano und Uni-Zugangshürden.

UNISTANDARD: Bauchklang spielte hunderte Live-Auftritte. Wird man nicht "bühnenmüde"?

Andreas Fraenzl: Es gibt gewisse Tendenzen. Man ist in Trance, weil alles ähnlich abläuft. Man kann sich darüber nicht beklagen, denn die Energie, die man uns entgegenbringt, ist enorm und wir schätzen sie sehr.

UNISTANDARD: Wie entspannt Ihr die Stimmen?

Fraenzl: Es gibt verschiedene Methoden (lacht): Übungen vor dem Auftritt helfen. Es gibt extrem scharfe Oregano-Kapseln, die man sich reinhaut und die unglaublich brennen.

UNISTANDARD: Hat es eigentlich bei Euch schon Kollapse gegeben, auf der Bühne?

Fraenzl: Nein, aber mir wird oft schwarz vor Augen. Deshalb dauern unsere Konzerte maximal eineinhalb Stunden. Man muss aufpassen, dass kein Äderchen im Gehirn platzt.

UNISTANDARD: Gibt es noch keine Nachahmer?

Fraenzl: Verwunderlicherweise nicht. Ich habe mir gedacht, dass es schnell passiert. Es gibt die Saian Supa Crew und Rhazel.

UNISTANDARD: Was erhofft Ihr Euch von der Nationalratswahl im Oktober?

Fraenzl: Sehr wenig. Sobald man die Nähe der Macht kommt, wird man befallen von Populismus und Zurückhaltung. Man hat nicht das Gefühl, gut regiert zu werden: Soziale Fragen sind weit weg, die europäische Identität zerstört durch Angstmacherei. Ministerin Gehrer sollte die Politik verlassen. Eigentlich wäre ich für die Gründung einer neuen Partei.

UNISTANDARD: Und wie soll diese heißen?

Fraenzl: Eine visionäre Partei, die vernünftig und natürlich regiert, und nicht so heischend. Mir ist alles zu populistisch im Moment. Eine ganze Generation sollte in die Politik gehen. Oft genügen Sticker und T-Shirts, kleine Zeichen. "Fuck Bush" ist zu wenig. Unis an sich waren immer der Ausgangspunkt von Umstürzen. Die denkenden Menschen sind heute zu sehr mit Geldverdienen beschäftigt.

UNISTANDARD: Wie könnte man die österreichischen Unis verbessern?

Fraenzl: Die kurzsichtige Bildungspolitik der Regierung ist schuld am momentanen Chaos an den Unis. Diese müssen politisch unabhängige Entscheidungen treffen können. Ein gut funktionierendes Zugangssystem, sozial gerecht und stressfrei - das wäre das Ziel.

UNISTANDARD: Welcher Song der neuesten CD "Many People" entspannt gestresste Studenten?

Fraenzl: Jeder entspannt sich anders, deshalb ist es schwer, etwas zu empfehlen. Sicher eignet sich "many people" oder "sorry for delay". Auch der flotte Track "navigator", kann Studenten von Ministerin Gehrer ablenken. (DER STANDARD-Printausgabe, 2.3.2006)

Zur Person

Andreas Fraenzl (geb. 1974) studierte Grafik an der Angewandten in Wien.

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    foto: standard/newald
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