Millionenraub in England:Millionär vermutlicher Drahtzieher

3. März 2006, 17:58
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Dreifacher Familienvater steht nach größtem Geldraub in der britischen Geschichte als Erster vor dem Richter

Ob Mittäter oder Drahtzieher beim größten Geldraub in der britischen Geschichte, ist noch nicht klar: John Fowler, Millionär und dreifacher Vater, steht als Erster vor dem Richter.

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Das Leben hat es gut gemeint mit John Fowler. Gut verheiratet, drei wohlgeratene, fast erwachsene Kinder, ein nettes Landgut mit Villa im Fachwerkbau, die allein mehr als zwei Millionen Euro wert ist – nicht schlecht für den Sohn eines Lastwagenfahrers. Das Ferienhaus an der spanischen Küste pflegt er ebenso als Statussymbol wie seinen Bentley.

Freilich hat Fowler hart gearbeitet dafür, ein Tüchtiger, dem das Glück gnädig war. In den 80er-Jahren zog er seinen Autohandel groß auf, just zu der Zeit, als es im Sog Margaret Thatchers genügend Yuppies gab, die es sich leisten konnten und wollten, dicke Limousinen zu lenken.

Fowler kam zu Geld, und Erfolg bei Frauen hatte der Attraktive auch. Die Hochzeit mit der zwölf Jahre jüngeren Linda feierte er unter Palmen in der Karibik. Als ihn das Glück dann doch einmal verließ, als seine kleine Tochter Laura unerwartet starb und ihn der Verlust derart mitnahm, dass er seine Autofiliale zumachen musste, rappelte sich Fowler ein zweites Mal hoch. Nun verlegte er sich darauf, Wagen aus zweiter Hand zu verscherbeln, von zu Hause aus, von seiner Farm.

Farm als Drehscheibe

Am Donnerstag erschien der 57-Jährige in der Kleinstadt Maidstone vor einem Richter, angeklagt, den größten Geldraub der britischen Geschichte zumindest mit eingefädelt zu haben. "Verschwörung zum Raub" wirft man Fowler vor. Nach allem, was die Polizei bisher preisgegeben hat, war sein abgelegener Bauernhof eine, wenn nicht die Drehscheibe bei dem dreisten Gaunerstück in der vergangenen Woche: Skrupellose Gangster hatten in Tonbridge die Rekordsumme von 53 Millionen Pfund (78 Millionen Euro) erbeutet.

Um sich Zugang zu dem scharf gesicherten Gelddepot zu verschaffen, hatten sie eine ganze Familie entführt: Colin Dixon, den Direktor des Depots, seine Frau Lynn und seinen Sohn Craig, der kurz nach dem Überfall seinen neunten Geburtstag feierte.

Die Scheune, in der die Entführer Mutter und Sohn stundenlang als Geiseln hielten, um Colin Dixon zu erpressen, liegt Zeugenaussagen zufolge auf Fowlers Anwesen, der Elderden Farm in Staplehurst, einem idyllischen Dorf in der Grafschaft Kent. Dort soll auch ein Lieferwagen, der beim Raub zum Einsatz kam, gespritzt worden sein; leuchtend rot, in den Farben eines bekannten Paketdiensts.

Ermittler zufrieden

Polizisten durchsuchten, vorerst vergeblich, das ganze Gutsgelände nach den verschwundenen Millionen. Der Lkw, mit dem die Diebe ihre Beute davonkarrten, ein weißer Siebentonner der Marke Renault, wurde nicht bei Fowler gefunden, sondern zehn Meilen weiter.

War der Autohändler Fowler der Drahtzieher? Oder nur ein Mittäter? Am Donnerstag blieb es noch völlig offen. Er sei "zufrieden mit den erzielten Fortschritten", sagte Chefermittler Adrian Leppard. Jedoch könne es "noch Monate, wenn nicht Jahre" dauern, ehe man alle Gangster gefasst und das Geld komplett aufgespürt habe.

Neben Fowler stehen zwei mutmaßliche Komplizen vor Gericht, der 47-jährige Stuart Royle und dessen 39-jährige Freundin Kim Shackleton. Royle hat früher beim "Special Boat Service" gedient, dem maritimen Pendant zur SAS, der elitären Kommandotruppe der britischen Armee.

Ein Fingerzeig? Ein Indiz? Was die Detektive nämlich immer wieder betonen, ist die militärische Präzision, mit der die Verbrecher ihren Raubzug planten. (DER STANDARD - Printausgabe, 3. März 2006)

Frank Herrmann aus London
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