Dreifacher Familienvater steht nach größtem Geldraub in der britischen Geschichte als Erster vor dem Richter
Ob Mittäter oder
Drahtzieher beim
größten Geldraub in der
britischen Geschichte,
ist noch nicht klar:
John Fowler, Millionär
und dreifacher Vater,
steht als Erster vor dem Richter.
***Das Leben hat es gut gemeint
mit John Fowler. Gut verheiratet, drei wohlgeratene, fast erwachsene Kinder, ein nettes
Landgut mit Villa im Fachwerkbau, die allein mehr als
zwei Millionen Euro wert ist –
nicht schlecht für den Sohn eines Lastwagenfahrers. Das Ferienhaus an der spanischen
Küste pflegt er ebenso als Statussymbol wie seinen Bentley.
Freilich hat Fowler hart gearbeitet dafür, ein Tüchtiger,
dem das Glück gnädig war. In
den 80er-Jahren zog er seinen
Autohandel groß auf, just zu
der Zeit, als es im Sog Margaret Thatchers genügend Yuppies gab, die es sich leisten
konnten und wollten, dicke
Limousinen zu lenken.
Fowler kam zu Geld, und Erfolg bei Frauen hatte der Attraktive auch. Die Hochzeit
mit der zwölf Jahre jüngeren
Linda feierte er unter Palmen
in der Karibik. Als ihn das
Glück dann doch einmal verließ, als seine kleine Tochter
Laura unerwartet starb und
ihn der Verlust derart mitnahm, dass er seine Autofiliale zumachen musste, rappelte
sich Fowler ein zweites Mal
hoch. Nun verlegte er sich darauf, Wagen aus zweiter Hand
zu verscherbeln, von zu Hause
aus, von seiner Farm.
Farm als Drehscheibe
Am Donnerstag erschien
der 57-Jährige in der Kleinstadt Maidstone vor einem
Richter, angeklagt, den größten Geldraub der britischen
Geschichte zumindest mit
eingefädelt zu haben. "Verschwörung zum Raub" wirft
man Fowler vor. Nach allem,
was die Polizei bisher preisgegeben hat, war sein abgelegener Bauernhof eine, wenn
nicht die Drehscheibe bei dem
dreisten Gaunerstück in der
vergangenen Woche: Skrupellose Gangster hatten in Tonbridge die Rekordsumme von
53 Millionen Pfund (78 Millionen Euro) erbeutet.
Um sich Zugang zu dem
scharf gesicherten Gelddepot
zu verschaffen, hatten sie eine
ganze Familie entführt: Colin
Dixon, den Direktor des Depots, seine Frau Lynn und seinen Sohn Craig, der kurz nach
dem Überfall seinen neunten
Geburtstag feierte.
Die Scheune, in der die Entführer Mutter und Sohn stundenlang als Geiseln hielten,
um Colin Dixon zu erpressen,
liegt Zeugenaussagen zufolge
auf Fowlers Anwesen, der
Elderden Farm in Staplehurst,
einem idyllischen Dorf in der
Grafschaft Kent. Dort soll auch
ein Lieferwagen, der beim
Raub zum Einsatz kam, gespritzt worden sein; leuchtend
rot, in den Farben eines bekannten Paketdiensts.
Ermittler zufrieden
Polizisten durchsuchten,
vorerst vergeblich, das ganze
Gutsgelände nach den verschwundenen Millionen. Der
Lkw, mit dem die Diebe ihre
Beute davonkarrten, ein weißer Siebentonner der Marke
Renault, wurde nicht bei Fowler gefunden, sondern zehn
Meilen weiter.
War der Autohändler Fowler der Drahtzieher? Oder nur
ein Mittäter? Am Donnerstag
blieb es noch völlig offen. Er
sei "zufrieden mit den erzielten Fortschritten", sagte Chefermittler Adrian Leppard. Jedoch könne es "noch Monate,
wenn nicht Jahre" dauern, ehe
man alle Gangster gefasst und
das Geld komplett aufgespürt
habe.
Neben Fowler stehen zwei
mutmaßliche Komplizen vor
Gericht, der 47-jährige Stuart
Royle und dessen 39-jährige
Freundin Kim Shackleton.
Royle hat früher beim "Special
Boat Service" gedient, dem
maritimen Pendant zur SAS,
der elitären Kommandotruppe
der britischen Armee.
Ein Fingerzeig? Ein Indiz?
Was die Detektive nämlich immer wieder betonen, ist die
militärische Präzision, mit der
die Verbrecher ihren Raubzug
planten. (DER STANDARD - Printausgabe, 3. März 2006)
Frank Herrmann aus London