Gender Mainstreaming: Zwischen Geschäft und Engagement

4. März 2006, 18:00
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Eine erste Studie über die Unübersichtlichkeit eines explodierenden Marktes

Erstmals wurde eine Bestandsaufnahme des bis jetzt eher von Unübersichtlichkeit geprägten Gender Markts im deutschsprachigen Raum gemacht: Die kürzlich veröffentlichte Studie der Sozialwissenschaftlerinnen Ulrike Gschwandtner und Birgit Buchinger "Der Gender Markt. Eine qualitative Studie zu AnbieterInnen, Strukturen und Standards" ist auch online zugänglich.

Ein vielfältiger Markt

Die Studie umfasst verschiedene genderspezifische Dienstleistungen in Österreich sowie Beispiele aus dem benachbarten Ausland und setzt sich aus Recherchen im Internet und mit ExpertInnen geführten Interviews verschiedener Einrichtungen zusammen. Laut Gschwandtner und Buchinger, Gründerinnen der Firma "Solution" für Sozialforschung & Entwicklung, verdeutlicht ihre Studie die Vielfältigkeit und Lebendigkeit des Gender Markts, der in den letzten Jahren explosiv gewachsen sei. Immer mehr privatwirtschaftlich sowie als Vereine organisierte Einrichtungen würden Dienstleistungen in diesem Bereich anbieten. Vor allem das hohe Maß an Wirtschafts– und Arbeitsmarktthemen bei den Angeboten sei überraschend. In der Vergangenheit wurde angenommen, Gender Mainstreaming hätte die Betriebe noch nicht erreicht.

Schwierigkeiten für KundInnen

Diese Heterogenität habe jedoch zur Konsequenz, dass sich für potentielle KundInnen ein eher uneinheitliches Bild bietet: Auswahl und Entscheidung für die Inanspruchnahme konkreter Dienstleistungen erfordern Ausdauer und Beharrlichkeit, so die Autorinnen. Sich auf dem Gender Markt im Internet zurechtzufinden sei eher schwierig. So zeigt die webbasierte Marktanalyse auf, dass Angebote schwer auffindbar und verschieden benannt sind. Auch fehle ein einheitlicher Methodenkanon, ebenso sei das Verständnis von Qualitätsstandards unterschiedlich. Die Preisgestaltung werde kaum über das Medium Netz kommuniziert.

Zwischen Theorie und Praxis

Bezüge zu theoretischen Zugängen und zur Geschichte von Gender Mainstreaming seien eher selten zu finden. Laut qualitativer Marktanalyse ist die Verwendung von Begriffen wie zum Beispiel "Gleichstellung", "Geschlechtergerechtigkeit" oder "Chancengleichheit" höchst unterschiedlich. In der praktischen Arbeit komme es meist zu einer Mischung verschiedener Zugänge, diese Strategie werde teilweise bewusst verfolgt. Für viele der Befragten sei es wichtig, Gender und Diversity Ansätze theoretisch zu verknüpfen und für die berufliche Praxis anwendbar zu machen. So bietet etwa ein Drittel der Einrichtungen Dienstleistungen rund um Diversity an, eine Konkurrenz zwischen den beiden Strategien sei wahrnehmbar. Für die Autorinnen entsprechen die unterschiedlichen Herleitungen des Genderverständnisses der Heterogenität des Marktes.

>>> Hemmende Faktoren

Hemmende Faktoren

Laut InterviewpartnerInnen gehen mangelnde Zeit und Personalressourcen oft auf Kosten der Öffentlichkeitsarbeit. Als weitere hemmende Faktoren für die Umsetzung von Gender Mainstreaming werden das Fehlen einer umfassend gleichstellungsorientierten Gesellschaftspolitik in Österreich und die staatliche Sparpolitik im Bildungs– und im Sozialbereich genannt. Hinderlich seien auch schwache normative Grundlagen, zum Beispiel der Mangel an Sanktionsmöglichkeiten vor allem in der Privatwirtschaft. Vor diesem gesellschaftspolitischen Hintergrund sei es problematisch, dass sich die Medien nicht nur dem Thema gegenüber eher ignorant verhalten, sondern auch überwiegend keine geschlechtergerechte Sprache verwenden. Der durch die EU forcierten Gender Mainstreaming Strategie wird große Bedeutung beigemessen.

Im Streit der Meinungen

Während einige der befragten ExpertInnen Gender Mainstreaming als politische Strategie verstehen, geht es anderen mehr um die individuelle Ebene, wobei sie auf Empowerment und Bewusstwerdung setzen. Wieder andere sehen in Gender Mainstreaming eine Modernisierungsstrategie, die keine Perspektive auf Veränderung beinhaltet. Für einige ExpertInnen bezeichnet Gender Mainstreaming eine neoliberale Strategie. Schlussendlich sei die Bereitschaft aller AkteurInnen, sich mit Geschlechterkonstruktionen und Rollenbildern auseinanderzusetzen, Voraussetzung für die Umsetzung von Gender Mainstreaming. Diese Auseinandersetzung müsse sowohl selbstreflexiv sein als auch auf die jeweilige Organisation und deren Strukturen bezogen werden – von der Leitungsebene bis hin zu den Mitarbeitenden.

Gender als Geschäftsfeld

Abschließend stellen die Autorinnen fest, dass alle genderspezifischen Dienstleistungsangebote, die letztlich auch verkauft werden konnten, ausschließlich auf Nachfrage hin entwickelt wurden. Die einzige Ausnahme diesbezüglich seien Lehrgänge. Doch werden alle Produkte permanent weiter entwickelt. Auch die Frage, wie Rollenstereotypisierungen und Frau–Mann–Polarisierungen in der praktischen Arbeit vermieden werden können, sei für viele Befragte wichtig. Dabei wurden konkrete Grenzen in der Umsetzungsarbeit angesprochen: Gender Mainstreaming sei schlussendlich auch ein Geschäftsfeld, ein Markt, auf dem man eben operiere.

Qualitätsgesicherte Gleichstellung

Die aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds und des Bundesministeriums für Wirtschaft und Arbeit finanzierte Studie ist im Rahmen der EQUAL-Entwicklungspartnerschaft "Qualitätsentwicklung Gender Mainstreaming: Konzepte, Umsetzung, Evaluation" entstanden. In diesem zweijährigen EU-Projekt werden Instrumentarien für die Feststellung von Gleichstellung und Benachteiligung entwickelt. Dies sei nötig, um Gender Mainstreaming als qualitätsgesicherte Gleichstellungsstrategie auf verschiedenen Ebenen zu implementieren. (red)

Birgit Buchinger,
Ulrike Gschwandtner:
Der Gender Markt
Wien, 2006

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