Ganz natürlich trinken

2. März 2006, 17:00
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Lange galt "Bio" im Weinbau als Spinnerei - jetzt aber springen viele Qualitätswinzer auf. Auch, weil die Böden unter Überdüngung leiden

Weder die Weinmacher der Domaine de la Romanée Conti in der Burgund noch jene von Beaucastel im Rhônetal, auch nicht André Ostertag oder die Zind-Humbrechts aus dem Elsass tanzen im Mondenschein um den Rebstock. In Österreich arbeitet die Familie Saahs am Nikolaihof seit 1971 biodynamisch, "weil wir aus Sparsamkeitsgründen damals ohnehin weder Kunstdünger noch Herbizide verwendet haben", wie Christine Saahs erzählt. Werner Michlits aus Pamhagen wurde kürzlich für mehr als 1000 Hektar Agrarflächen, davon 50 Hektar Weingärten zertifiziert, auf denen er neben anderem auch eine Bio-Weinlinie für eine Supermarktkette produziert.

Fred Loimer im Kamptal war Initiator dieser Idee

Auch wenn biodynamischer Landbau gern als esoterisch und "spinnert" belächelt wird, erzeugen doch alle diese Betriebe gesuchte und höchst dekorierte Weine nach den Prinzipien der strengsten aller Biolandbau-Philosophien. Und Selbiges werden ab sofort auch die Golser Pannobile-Winzer machen, ebenso wie Josef Umathum aus Frauenkirchen, Albert Gesellmann und Weninger im Mittelburgenland, Uwe Schiefer im Südburgenland, die Zulls und Peter Malberg vom Weingut Graf Hardegg im Weinviertel, Bernhard Ott in Feuersbrunn oder Hannes Hirsch und Fred Loimer im Kamptal. Letzterer war übrigens auch der Initiator dieser Idee.

Stärkung von Pflanzen und Böden nach den Theorien Rudolf Steiners

Nach den Theorien Rudolf Steiners werden Pflanzen und Böden mit natürlichen Mitteln wie Kräuterextrakten, Mineralien, Tees oder Kompostpräparaten gestärkt, auf dass sie Stresssituationen besser aushalten. Erlaubt sind auch Schwefel und Kupfer, der bei echtem Mehltau nach wie vor als einziges Mittel wirkt. Kupfer ist aber als Schwermetall, das sich im Boden anreichert, sehr umstritten, am Ersatz wird intensiv geforscht. Für manche Öko-Bewegte ist dies sogar Grund, "bewusst nicht biologisch" zu arbeiten, wie für Johannes Davaz vom toskanischen Weingut Poggio al Sole: "Es gibt keinen Ersatz, daher akzeptiere ich synthetische Mittel."

Kupfer sieht Christine Saahs wieder als kleineres Übel, da sich die "homöopathischen Mengen" - drei Kilogramm pro Hektar und Jahr, die "nicht immer verbraucht werden" - laut Wissenschaft mit dem pflanzeneigenen Eiweiß verbinden. Für die Anwendungen sowie für das ganze Weinbaugeschehen werden auch Mondphasen und Gestirnkonstellationen miteinbezogen, die in einem Kalender zusammengefasst sind, der Frucht-, Wurzel- und Erdtage festlegt, an denen bestimmte Arbeiten besonders effizient sein sollen.

Biodynamik bedeutet "Weiterentwicklung", auch für bessere Chancen auf lange Sicht

Für Paul Achs von den Pannobile-Winzern ist der Schritt zur Biodynamik eine "Weiterentwicklung". Sie würden nicht erwarten, dass die Weinqualität jetzt drastisch ansteige, aber angesichts von Mangelerscheinungen wie Zweigeltkrankheit oder Versalzung "wollen und müssen wir die Böden verbessern, damit wir langfristig bessere Chancen haben." Ähnlich sieht es auch Ariane Umathum. Biologisch-organisch, eine Philosophie ohne "esoterische" Aspekte, gehe ihr dabei zu wenig weit. "Die Biodynamik stellt mehr Mittel zur Verfügung, die uns zusagen." Dazu gehören auch die gerne zur Belustigung der Skeptiker zitierten Kuhhörner, die mit Kuhdung befüllt und den Winter über im Garten vergraben werden, wo sie verkompostieren. Der fertige Inhalt wird als Stärkungsmittel für den Boden ausgebracht.

Zertifizierung und EU-Bioförderungen

Einerseits werden die Pro-Argumente im Brustton der Überzeugung vorgebracht. Wenn es um die Zertifizierung geht, die übrigens notwendig ist, um EU-Bioförderungen zu erhalten, ist man da zurückhaltender. Die Neo-Biodynamiker streben die Zertifizierung nicht an, wie Achs erklärt, "weil wir uns in punkto Weinbereitung nicht einengen lassen wollen." Wobei Stefan Beschorner vom Demeter-Verband erklärt, dass nach längeren Diskussionen dieser Tage Richtlinien für den Weinbau erarbeitet wurden, die Ende März 2006 offiziell würden. Die Bio-Förderung, 800 Euro pro Hektar und Jahr, soll, so wieder die Zweifler, dem Bio-Bewusstsein schon sehr auf die Sprünge geholfen habe.

All das mag für "g'standene" Ohren ziemlich abgehoben klingen. Aber selbst überzeugte Biodynamiker wie André Ostertag oder Séan Callahan, Besitzer von Riecine in der Toskana, der auch andere Weingüter berät, betonen, "daraus keine Religion machen zu wollen." Für Christine Saahs vom Nikolaihof sind biodynamisch arbeitende Weingüter, die nicht zertifiziert sind, vor allem ein marketingtechnisches Problem. "Nicht-Angemeldete können tun, was sie möchten. Die Konsumenten können nicht sicher sein, woran sie sind." Und der Demeter-Verband befürchte einen Skandal, wenn doch Rückstände in biodynamisch arbeitenden Betrieben gefunden würden. (Luzia Schrampf, DER STANDARD, rondo, 3/3/2006)

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