Die Serviettenband

10. März 2006, 13:01
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Gitarrenpop mit Witz: We Are Scientists und ihr Debüt "With Love And Squalor"

Was den Umgang mit Vertretern der Gitarrenpopszene beizeiten etwas anstrengend geraten lässt, ist ihre bis ins Verkrampfte gesteigerte Attitüde unbedingter Ernsthaftigkeit. Zu viele magere Burschen in engen Pullis haben sich während der vergangenen Jahre einen Bohème-Anstrich verpasst, um in diversen "The"-Bands ihre Blässe ins Blasierte zu steigern. Was so weit ganz gut klappte. Weil aber das Lebensgefühl eines Pop-Aristokraten ironischen Anspruchs bedarf, versuchten sie witzig zu sein. Hauptsächlich unter Verwendung eines Humorbegriffs, der ohne um Skurrilität bemühte Wortspielchen nicht denkbar ist. Wer jemals Charlotte Roche über Musik plaudern hörte, weiß, wie dröge das sein kann. Umso glücklicher fügt es sich nun, dass die Herren von We Are Scientists angetreten sind, dem Pop wieder Witz zu geben. Der britische Guardian lobt dies schlicht als "charmant".

Charmant geriet zum Beispiel das Manifest des New Yorker Trios, das der New Music Express im August veröffentlichte. Das bemerkenswerteste Postulat neben "Russen sollte es erlaubt sein, Rock zu spielen" war hierbei: "Von anderen Bands beeinflusst zu sein, ist armselig." Für Bassist Chris Cain nach wie vor "ein großartiger Satz". Er sitzt im Münchner Atomic Café, rückt sich das Drahtgestell seiner Kassenbrille zurecht und zwirbelt an seinem etwas fusseligen Schnauzbart. Höflich erkundigt er sich, ob man jetzt auch Lust auf ein Bier hätte, registriert die Bejahung mit einem gütigen Nicken, kommt mit zwei Flaschen zurück und sagt: "Wobei diese Haltung natürlich irre anstrengend ist. Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, ob wir überhaupt noch hinter diesem Satz stehen."

Was We Are Scientists hingegen mit Sicherheit wissen, wäre dies: Nichts ist einer Band zuträglicher als gute Geschichten zu ihrer Entstehung. Schlagzeuger Michael Tapper etwa erinnert sich an einen Abend, den sie damit verbrachten, eine Serviette mit Songtiteln voll zu kritzeln: "Wir hatten also diese Fülle an amüsanten Titeln und beschlossen, dass es eine Schande wäre, keine Band zu gründen, die dann Lieder schreiben könnte, die diese Titel tragen könnten."

Zugetragen haben soll sich diese Episode im Jahre 2000 in einem Pub in Berkeley, wo die Burschen aus Florida (Gitarrist Keith Murray), Utah (Cain) und Texas (Tapper) zusammengekommen waren, um ein wenig zu studieren. Ein Jahr später zogen sie - mittlerweile zur Band geworden - in das Haus von Murrays Großeltern, das sich praktischerweise in New York befand. Ein Ortswechsel, der der Band auch ihren Namen bescherte. "Wir besorgten uns einen Wagen für den Umzug", erzählt Chris Cain. "Und der Typ von der Autovermietung hat uns zuerst einmal gefragt, ob wir Brüder wären. Wir verneinten, worauf er uns fragte, ob wir Wissenschaftler seien. Auch da mussten wir leider zugeben, dass dem nicht so sei. Um kurz darauf festzustellen, dass wir soeben auf Bandnamengold gestoßen waren."

Recht goldig geriet den Scientists denn auch ihr Debütalbum. With Love and Squalor bietet sehr druckvolles, wundervoll verwischtes Material, abgerundet durch raffiniert gestreute Pizzicati und Keith Murrays elegantes Artrock-Organ. Ohne von Beeinflussung sprechen zu wollen: Wollte man sich von Franz Ferdinand zu den Wannadies führen lassen wollen - die Scientists dürften hierbei treffliche Dienste leisten.

Wie sie derzeit ohnehin zu allem bereit sind. "Wir würden momentan so ziemlich alles machen, um Publicity zu bekommen", sagt Chris Cain, breit grinsend. Eine kürzlich absolvierte Modestrecke für die italienische Uomo Vogue war da definitiv nicht das Schlechteste. "Das hat großen Spaß gemacht", erinnert sich Cain und leert sein Bier. "Obwohl die Klamotten schon etwas seltsam waren."

Die Scientists trugen enge Pullis. Fast sahen sie aus wie eine "The"-Band. Aber eben nur fast. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.3.2006)

Von Uli Karg
  • "With Love And Squalor" (EMI) erscheint am
27. Februar.
Am 5. März gastieren We Are Scientists live im
 Wiener Flex.
    foto: emi

    "With Love And Squalor" (EMI) erscheint am 27. Februar.

    Am 5. März gastieren We Are Scientists live im Wiener Flex.

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