Wiederaufgelegt: Lieder über Häuser und Essen

10. März 2006, 13:01
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Die ersten vier Alben der Talking Heads, in erweiterter Form und behutsam remastered als CD mit Bonustracks samt DVD

Behauptung: Würden eine bis dato unbekannte Band namens Talking Heads 2006 mit einem Album wie 77, More Songs About Buildings And Food, Fear Of Music oder Remain In Light auftauchen, die Musikwelt würde ihr zu Füßen liegen. Immerhin klingen Songs wie Life During Wartime, Cities, Listening Wind oder New Feeling heute noch so frisch, als wären sie eben erst auf Platte gepresst worden. Zudem schuldet das seit einigen Jahren laufende Post-Punk- und New Wave-Revival gerade dieser Band sehr sehr viel. Von Franz Ferdinand bis Arcade Fire.

Kein Wunder, dass die ersten vier Alben der New Yorker Band gerade jetzt in erweiterter Form und behutsam remastered als CD mit Bonustracks samt DVD neu aufgelegt wurden. Gegründet in der Mitte der öden 70er-Jahre veröffentlichten Tina Weymouth, Chris Frantz, Jerry Harrison und David Byrne ihr Debüt 1977. Es gilt als eines der wesentlichsten seiner Epoche. Getrieben, funky und mit seltsam sachlich gehaltenen Texten, etablierte die Band einen bis dahin nicht gehörten Sound. Byrnes oft als gewürgt bezeichneter Gesang hetzte und japst sich atemlos durch Lieder über Wohnungen, die Regierung - und im gleichnamigen Titel über einen Psycho Killer.

Betont nüchtern war dagegen das Erscheinungsbild der (mehrheitlich) von den New Yorker Kunstschulen stammenden Band. Kein Punk-Firlefanz, keine Selbstversuche mit Rasierklingen oder Sicherheitsnadeln. Statt dessen vertrauten die Talking Heads in biederen Normalo-Hemden unter V-Pullis und brav gescheitelt auf die Überzeugungskraft ihres neuartigen Songwritings. Einer Musik, mit der sie Elemente aus Punk, Disco, Funk mit großem Geschick neu definierten. Trotz aller permanent den Deckel nach oben drückenden Dampf, trotz nervösem Gezappel und hektischen Rhythmen, verlor die Band nicht die Kontrolle. Byrnes Gesangsstil brach mit Traditionen. Einmal wiegte er sich ergeben in die Melodien und den Rhythmus. Im nächsten Moment legte er sein Organ quer, zerstotterte Wörter in ihre Silben oder schraubte seinen Falsettgesang in hysterische Höhen. Damit sprengte das Quartett mehr Grenzen als viele andere zeitgenössische Bands. Unter Mithilfe von Brian Eno, der drei dieser vier Alben produzierte, verschmolzen die Talking Heads afrikanische Polyrhythmen mit urbanem Funk (I Zimbra), lästerten zur Slidegitarre über die Spießer des mittleren Westen (The Big Country), schufen atemberaubenden Pop (Air) und entblößten in Heaven die Großstadt als Tempel der Langeweile. Die visionäre Kraft von Eno und Byrne, die sich auch auf dem demnächst ebenfalls in erweiterter Form wieder aufgelegtem Album My Life In The Bush Of Ghosts als Dreamteam bestätigen sollte, führte zu vier Meisterwerken in Serie.

So innovativ sollten die Talking Heads nie wieder sein. Zwar gelang es der Band mit Alben wie Speaking In Tongues, dem Album Stop Making Sense zum gleichnamigen Konzertfilm von Jonathan Demme und Little Creatures den Mainstream zu erobern. Die Strahlkraft ihres Frühwerks besitzen diese Arbeiten jedoch nicht mehr. (flu/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.3.2006)

  • Talking Heads: "Remain In Light (Warner) Detto:  "77", "More Songs About Buildings And Food", "Fear Of Music"
    foto: warner

    Talking Heads: "Remain In Light (Warner)

    Detto: "77", "More Songs About Buildings And Food", "Fear Of Music"

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