Liebemachen macht Kummer

10. März 2006, 13:01
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Ausschweifungen und Hangover: Der von Black Mountain bekannte Kanadier Stephen McBean und sein Soloprojekt Pink Mountaintop

Der von Black Mountain bekannte kanadische Musiker Stephen McBean erforscht mit seinem Soloprojekt Pink Mountaintops den Zusammenhang von Liebe, Drogen und der Depression danach.


Die Pink Mountaintops zählen zum Künstlerkollektiv der im kanadischen Vancouver beheimateten Black Mountain Army und sind im Wesentlichen das Solovehikel von deren Kopf Stephen McBean. Der ehemalige psychiatrische Pfleger und in der Drogentherapie arbeitende Gitarrist und Sänger verhandelt mit seiner Stammband Black Mountain auf dem im Vorjahr erschienenen titellosen Debüt nicht nur mächtigen wie mächtig kranken Drogenrock aus den Untiefen von Black Sabbath. Die schweren, vom Blues getränkten Gitarrenriffs werden bei dieser Band auch mit kosmischer Psychedelik im Sinne von frühen Pink Floyd oder Progressive Rock im Allgemeinen veredelt - und mit noch immer neutönendem Krawall-, Schepper- und Krautrock Marke Velvet Underground oder Faust aufgelockert. Das Ganze wird abschließend noch mit Lärmschlieren behübscht.

Das führte 2005 nicht nur zu einem der überzeugendsten Debüts in einem an tollen neuen kanadischen Bands nicht ganz armen Jahr (Arcade Fire, Wolf Parade, Stars, Memphis, The Most Serene Republic, Death From Above 1979 . . .). Auch das mächtig dröhnende Konzert im Wiener Flex konnte sich hören lassen!

Schon ein Jahr vorher veröffentlichte McBean allerdings mit dem damals völlig untergegangenen Erstling der Pink Mountaintops sozusagen eine mitreißende Vorstudie. Bluesige, zart anachronistische Wurzelkunde auf Folk-Basis, die in ihren besten Momenten so klang, als ob man den glitzernden Boogie-Space-Pop von T.Rex von einer degenerierten Hinterwäldlerpartie aus den Appalachen auf Trümmer-Instrumentarium nachstellen würde.

Apropos Wurzelkunde: Stephen McBean beschäftigt sich mit den Pink Mountaintops mit großem Ernst ausschließlich mit einem Themengebiet: Sex, Orgie, Ausschweifung - und wie man dorthin und dann bitte wieder nach Hause findet. Das führte auf dem Debüt zu interessanten und nicht jugendfreien Tagträumen wie "I came all over myself/ Wish I came all over your blouse" oder herrlich mit dumpfen Urwaldtrommeln unterlegten Boogie-Fantasien wie I (Fuck) Mountains oder Sweet '69 und Bildwelten, in die früher einmal etwa auch Jim Morrsion mit seinen Doors gerne reinschaute.

Das neue, jetzt veröffentlichte Nachfolgewerk Axis Of Evol (Evol bitte auch rückwärts sowie als "Evil" zu lesen!) schildert jetzt nachbereitend zu den Ausschweifungen aus 2004 das große, leere Gefühl nach der mit Drogen befeuerten Orgie. Düstere Stimmungen, das Gefühl der Leere. Postkoitale Traurigkeit: How Can We Get Free? Schwerer Hangover und posttoxische Depressionen. The agony is the ecstasy.

Ach, es ist ein recht herzzerreißendes und tatsächlich tief in die Musikgeschichte zurückreichendes, metaphernreiches Gejammere hier an allen Orten. Mit zarter, scheinbar emotionsloser Kopfstimme verhandelt Stephen McBean in sieben Songs jenen Kater, der einen etwa auch bei der Lektüre von Michel Houellebecqs "Elementarteilchen" oder Matias Faldbakkens Pornosatire "The Cocka Hola Company" befallen kann. Wie heißt es gleich in Comas, dem ersten, mit seiner kargen Lagerfeuer-Gitarrenbegleitung fesselnden Song des Albums so missvergnügt: "I'm no longer headed down the highway to hell/ There's peace in the valley, the blood has been spelt. I've been wrestling a dead angry deer/ And she still is with me after all of these years ..."

Die Stimmung wird anschließend auch in Cold Criminals nicht besser. Zwar hören wir einen zwingenden Stampf-Beat, unverzerrte Stakkato-Gitarren und einen pochenden Bass in bester Velvet-Underground-Tradition. McBean leidet aber konsequent weiter: "Devil's got us in his hands." Auch New Drug Queens mit kranken Casio-Beats und Stooges-Riffs oder das psychedelisch-lokalnarkotische Slave, in dem der Heroin-Gospel von britischen Größen wie Spacemen 3 oder Spiritualized grüßen lässt, machen Axis Of Evol zu einer bedrückenden Studie eines (Le- bens-)Gefühls, das die etwaigen Höhen unserer Zeit längst als unwiederbringliche Vergangenheit betrachtet. So groß wie erschütternd. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.3.2006)

Von
Christian Schachinger
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Pink Mountaintops: "Axis Of Evol" Im Vertrieb von Edel wie auch: 
Black Mountain: "Black Mountain"
Pink Mountaintops: "Pink Mountaintops"
    foto: edel

    Pink Mountaintops: "Axis Of Evol"

    Im Vertrieb von Edel wie auch:
    Black Mountain: "Black Mountain"
    Pink Mountaintops: "Pink Mountaintops"

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