Links oben im Eck, bei Nebel und Rock

8. März 2006, 16:44
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Ein Besuch in der "Rock City" Seattle. Der Stadt, die der Welt neben Starbucks auch Jimi Hendrix und Nirvana bescherte

"Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk" (Tocotronic, 1995). Doch, sind wir, und im Winter scheint die Stadt im Nordwesten der USA zumindest an ein paar Tagen ihren Ruf als "rainy city" zu bestätigen, wobei das eine Unschärfe ist. "Fog, der Nebel des Grauens" von John Carpenter könnte hier gedreht worden sein, bloß dass der Nebel und die Wolken an der Elliott Bay unter pazifischem Einfluss besonders feucht sind und seine Bewohner mit einem nassen Film überziehen, der die Passanten auf den Straßen wie leicht angetaute Eislutscher erscheinen lässt.

Setzt sich die Sonne durch, steigt die Temperaturen auch im Frühling schon auf über zehn Grad Celsius. Das Temperament zieht mit, und im Freien sitzende Kaffeehausgäste, die mit kurzen Hosen an den Sonnenstrahlen naschen und dabei an einem für amerikanische Verhältnisse guten Kaffee schlürfen, sind keine Seltenheit.

Erster Boom

Seattle, der Name dieser 1869 gegründeten Stadt leitet sich von Noah Sealth ab, einem Indianerhäuptling, den seine Gegner "Chief Seattle" nannten. Einen ersten Boom erlebte die heute rund 570.000 Einwohner zählende Stadt um die letzte Jahrhundertwende, als in Alaska das Goldfieber ausbrach und Seattle eine der wichtigsten Stationen am Weg zur großen Hoffnung war.

Seine Bedeutung in jüngerer Zeit macht man an der Jahreszahl 1962 fest, als Seattle die Weltausstellung austrug. Die dafür von John Graham erbaute Spaceneedle ist bis heute eines der Wahrzeichen der Stadt. Den Rundumblick vom Aussichtsdeck der Nadel kann man mittels Webcam auch zu Hause genießen.

Seattle ist Heimat großer Unternehmen wie Microsoft, Amazon, AT & T, T-Mobile und Starbucks, dessen Filialen mit einer penetranten Dichte das Stadtbild mitprägen. Auch sind immer noch Werke des 2001 nach Chicago gezogenen Flugzeugherstellers Boeing in Seattle ansässig. Daneben gilt die fußgängerfreundliche Metropole bei Sympathisanten der Stromgitarre als Rock City: "You know you rock!", sprach Henry Rollins bei seiner Spoken-Word-Performance zu seinem Seattler Publikum.

Grunge-Touristen

Seit zu Beginn der Neunzigerjahre das kleine Label Sub Pop mit Bands wie Mudhoney, Soundgarden, Tad oder Nirvana die Musikwelt auf den Kopf stellte, etablierte sich die Stadt als Anziehungspunkt für Pilgerreisende in Sachen Rockmusik. Wobei Grunge-Touristen in den Plattenläden heute meist vergeblich auf der Suche nach einschlägiger Beute sind.

Zwar sind die Fächer eines anderen großen Sohnes der Stadt, Jimi Hendrix, allesamt prall gefüllt, wer jedoch auf Grunge-Raritäten hofft, wird meist enttäuscht. Dave Voorhees, Eigentümer von Bop Street, dem mit rund 600.000 Schallplatten auf zwei Geschoßen irrwitzigsten Plattenladen der Westküste, meint dazu: "Die Nachfrage wird wieder stärker. Vor ein paar Jahren schien der Rummel endgültig vorbei. Aber jetzt kommen Leute wie vor zehn Jahren aus aller Welt und erwarten hier, Geschäfte zu betreten, die wie 1992 bestückt sind, und kaufen alles, was damals im Sog von Nirvana veröffentlicht wurde."

Wen es nach Anekdoten und Berühmtheiten aus der lokalen Musikszene dürstet: Dave's the man! Er kennt sie alle. An den Wänden von Bop Street ist die Prominenz von damals mit Widmungen aus dem Filzstift ebenso verewigt wie jüngere Helden - etwa Thom Yorke von Radiohead. Auch Vertreter des aktuellen Seattle-Sounds wie Death Cab For Cutie oder Modest Mouse shoppen bei Bob.

Musikalisch "on the map"

Der Grunge-Boom brachte Seattle musikalisch "on the map", erzählt Dan, ein Konzertveranstalter: "Durch unsere geografische Lage links oben im Eck sind wir meist Anfangs- oder Endpunkt von Tourneen. Mittlerweile kommt hier fast jede Band durch." Eine dichte Klublandschaft unterstreicht das. Neben den Downtown-Lokalen sind es die Klubs im Stadtteil Capitol Hill, die nachtaktive Menschen anziehen. Dem Namen gemäß auf einem Hügel gelegen, vermischt sich in Capitol Hill eine nette Wohngegend mit Klubs, Restaurants, Kaffeehäusern, etlichen Shops und Galerien. Die etablierte Gay-Community prägt eine tolerante Atmosphäre ebenso wie Studenten. Die "Impeach Bush!"-Plakatedichte ist in der ganzen Stadt nirgendwo höher.

Man erklimmt den "Hill" zu Fuß oder mit dem Bus. Das gut ausgebaute System öffentlicher Verkehrsmittel macht fast jeden Ort in der Stadt bequem und billig erreichbar. Klubs wie Neumos, der War Room oder Choep Suey haben fast täglich (Live-)Programm bei erschwinglichen Preisen und sind gemütlich. Gläubige Grunge-Pilger müssen natürlich ins Crocodile Café, in dem einst Nirvana ihr Werkzeug des Öfteren eingestöpselt haben. Die Bedienung ist wie die Musik: hart, aber herzlich - nur das Frühstück nimmt man besser anderswo ein.

Nicht weit vom "Crocodile" entfernt liegt der Plattenladen "Singles Going Steady" mit seiner lautstark vernehmbaren Schwerpunktsetzung auf Punk. Ebenfalls Pilgerpflicht: Sub Pop Records, wobei das neue, mondäne Büro des Labels auf der Fourth Avenue so gar nichts mit dem Schmuddellook seiner früheren Protagonisten zu tun hat. Jedenfalls kann man nach Voranmeldung eine kleine Tour durch das Büro machen, wobei man jedoch nur erfährt, was man ohnehin schon weiß. Und den Boden zu küssen, wie es hin und wieder vorkommen soll, hat auch keinen Sinn. Zu Kurt Cobains Zeiten befand sich Sub Pop ganz woanders.

Als Wegweiser durch die Angebote der Stadt bietet Seattle zwei fette Gratisstadtzeitungen. Den Seattle Weekly, aus demselben Verlagshaus wie die Village Voice stammend, und den etwas frecheren, aber zur Unschärfe neigenden The Stranger. Eines machen beide klar: Der einst von Nirvana aufgestellten Forderung "Here we are now, entertain us!" kommt Seattle mit Leichtigkeit nach. (Karl Fluch/Der Standard/rondo/3/3/2006)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die erste Starbucks-Filiale in Seattle

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