Hier riecht's nach Coolness

27. März 2006, 11:13
15 Postings

Little Italy, Chinatown, West Queen West: Toronto lebt von seiner Vielfalt und macht aus Multikulti bare Münze

Armer Damien Hirst. Wann immer der Künstler aus dem Kreise der Young British Artists in eine neue Stadt kommt, muss er sich betrinken: aus Enttäuschung, dass es dort genauso aussieht wie anderswo auch. Ob er jemals in Toronto war? In Toronto also würde Hirst einige Orte finden, die ihm ein Déjà-vu bescheren würden: in Chinatown etwa.

An den Klinkerhäusern hängen viele bunte Neontafeln, die so aussehen, als habe jemand einen Karton chinesischer Schriftzeichen kräftig geschüttelt und über den Fassaden ausgeschüttet. Könnte auch New York sein. Oder Kensington Market - ein Potpourri aus viktorianischen Villen und dicht gedrängten Marktständen: Hier gibt's frisches Fleisch, dort indische Seidentücher, hüben schräge Vintage-Kleidung, drüben "We've got everything"-Waren. Hirst müsste nicht einmal seine Stadt verlassen, so sehr fühlt man sich wie auf Londons Camden Market.

Einem Stadtneurotiker wie Hirst entginge jedoch, was das Geheimnis Torontos ausmacht. Denn nirgends ist es einfacher, nach einer Reise besser gelaunt nach Hause zu fahren als hier, so willkommen fühlt man sich als Fremder. Jeden interessiert deine Geschichte, so wie er von dir erwartet, seine eigene erzählen zu dürfen.

Multikultiland Kanada

Weil im Multikultiland Kanada jeder ein potenzieller Immigrant sein kann - die Stadt hat weltweit einen der höchsten Prozentsätze an im Ausland geborenen Bewohnern -, existiert bei den Torontonians das Bild des Fremden praktisch nicht. Hier spricht schätzungsweise jeder Dritte Englisch mit Akzent. Was einem das Herz erwärmt, ist die sympathische Aufgeschlossenheit, die den Torontern zu eigen sein scheint - eine Mentalität, die im Theatervorraum einen Unbekannten dazu bringt, unaufgefordert sein Handy herzuborgen, als das eigene versagt, eine Mentalität, dank deren einen die Straßenbahnlenker gleich zweimal auch ohne Fahrschein in den Wagen winken.

Und wäre es nicht passiert, hätte man den Kameramann einer großen Performanceshow erfinden müssen, der es während der spontanen gemeinsamen Taxifahrt auf den Punkt bringt: "Die Kanadier lieben es, all die Leute ins Land zu holen." Dieses Denken hat mit dem kanadischen Mythos zu tun, der Vision von Kanada als innovativem, kreativem und tolerantem Land, die sich aus einer großzügigen Immigrantenpolitik speist - und Expremier Paul Martin im Glauben bestärkte, Kanadas Zukunft in den Großstädten zu sehen. Der Torontonian auf der Straße hat dieses Ideal längst verinnerlicht.

Die Stadtväter nennen 2006 das "Jahr der Kreativität", auf dessen To-do-Liste einiges steht. Eröffnung der neuen Oper. Zehn neue Galerien. Ein neues Performancetheater. Das erste Donald-Trump-Center außerhalb der USA wird hier entstehen. Daniel Liebeskind baut einen funkelnden Kristallbau ans Royal Ontario Museum, Norman Foster baut für die Universität, und Frank Gehry erweitert die Art Gallery . . . Die Liste ist lang.

Das Geheimnis Torontos

Um nun das Geheimnis Torontos zu erfahren, muss man sich nicht im CN-Tower, 553,5 Meter hoch und größtes frei stehendes Gebäude der Welt, zur Aussichtsplattform schießen lassen. Dort, wo der Blick durch den Glasboden 114 Stockwerke ungebremst nach unten saust, runter zum SkyDome, in dem 75.000 Zuschauer Base- und Footballspielen zujubeln.

Man muss auch nicht an die Harbourfront mit ihrem neuen Kulturzentrum und dem Blick auf die Toronto Islands, das autofreie Naherholungsziel der Großstädter, gehen, auch wenn man dort den augenfälligsten Beweis bekommt, dass Downtown Toronto boomt: So viele Hochhäuser mit Eigentumswohnungen ("Condos") schießen hier in die Höhe, dass man den See vor lauter Condos nicht mehr sieht.

Man sollte schon in den Distillery District zehn Autominuten östlich der Harbourfront fahren, die neuesten Attraktion im Kultur- und Shoppingleben der Toronter, die auf die ehemalige Schnapsbrennereianlage schon deshalb stolz sind, weil sie in Nordamerika zu der am besten erhaltenen Industriearchitektur aus dem 19. Jahrhundert gehört.

Überhaupt ist Toronto eine fantastische Shoppingstadt, etwa im Chichi-Bezirk Yorkville, in dem es heute nach Geld riecht, in den Sechzigern aber noch nach Hasch, als der Bezirk fest in der Hand von Hippies war und in Kaffeehäusern die Karriere von Sängern wie Leonard Cohen und Neil Young begann.

Ganz Mutige wagen sich ins Eaton Centre mit mehr als 300 Läden, in denen man spätestens nach einer Stunde die Orientierung verliert und erschöpft die Gänse-Installation von Michael Snow sucht und damit den südlichen Ausgang Richtung Yonge Street, der längsten Straße der Welt mit, genau, etlichen Geschäften.

Multikultureller Geist

Um aber wirklich eine Ahnung vom multikulturellen Geist zu bekommen, empfehlen sich Abstecher ins West Queen West, einen der aufregendsten Orte, die Toronto derzeit zu bieten hat. Wer die Hochhäuser der Stadt hinter sich lässt, die vergoldeten Fenster der Royal Bank Plaza, die konkav gebogenen Türme der City Hall, das wie schwarzer Samt schimmernde Toronto Dominion Center von Mies van der Rohe und die Bürotürme des Financial District, geht Richtung Westen auf der Queen Street West. Sie beginnt in der Innenstadt als gediegene Einkaufsstraße und wird jenseits der Spadina Avenue eine herrliche Melange, die bei etablierten Torontern immer noch ein bisschen Naserümpfen hervorruft: Viktorianische Häuschen, einige schäbig, manche abbruchreif, aber alle bunt gestrichen, säumen die Straße, in deren Mitte die Straßenbahn entlangschnurrt. Dunkle Videotheken, verlotterte Export-Import-Läden, winzige Nähstübchen neben schicken Cafés, etlichen Galerien und Designergeschäften, in denen Jungdesigner ihre winzigen Kollektionen verkaufen.

Auch hier lässt es sich gut einkaufen, aber um Längen entspannter. Künstler und Designer treffen auf Hipsters und alteingesessene Anwohner, die ursprünglich überwiegend polnische Zuwanderer waren. Nur ein paar Straßenzüge weiter grüßen Little Italy und das Portugiesenviertel, und auch wenn in Toronto die Kultur der Neighbourhoods stark ist: Starre Grenzen weichen hier allein schon die vielen jungen Menschen auf, die all jene Orte aufsuchen, die nur im Ansatz nach Coolness riechen.

Diese gipfelt auf der Queen Street im Drake Hotel, einst einer schäbigen Absteige nahe der Bahnunterführung der Canadian National, nun für sechs Millionen kanadische Dollar zum Designhotel aufgemotzt und zum Treffpunkt der Boheme ausgerufen. Lokale Künstler gestalteten die 19 Räume, die Rorschach-Tintenklecksbilder in der Bar bieten genug Rätsel, um etliche Drinks lang darüber zu sinnieren, und im Keller geben angesagte Bands Konzerte.

Hipness-Hype

Sicher, das Hotel versteht die Regeln des Hipness-Hype so sehr, dass es beinahe wehtut - wenn das Drake es nicht schaffte, den charmanten Brückenschlag zu finden. Barkeeper Ian Malone stammt aus Parkdale, keine fünfhundert Meter weiter die Straße hinunter, und er begrüßt jeden Gast so persönlich, als kämen Freunde zu Besuch.

Wer hier an einem Samstagmittag in die Bar mit angeschlossenem Restaurant hineinschaut, trifft nicht nur junge Szenegänger. Manch Gast stammt aus der Nachbarschaft, ist weit über 60, erklimmt aber dennoch mit vorsichtigen Bewegungen einen der Barhocker, als wolle er ein Statement abgeben: Das Drake gehört zu uns! Wahrscheinlich drückt das, was Ian Malone über Eishockey, den Nationalsport der Kanadier, sagt, etwas über die Einstellung einer ganzen Stadt aus: "Immer sind alle in Bewegung, gleiten elegant über das Eis, selbst wenn das Spiel unterbrochen ist. Es gibt keinen Stillstand wie beim Fußball." (Der Standard/rondo/3/3/2006)

Ein Stimmungsbericht von Mareike Müller

Info

Anreise: z.B. mit der Air Canada

Unterkunft:

The Drake Hotel

Allgemeine Infos zu Toronto:

Toronto Tourism

zu Ontario:

Ontario Travel

Neueste Kultur- und Shoppingattraktion: The Distillery District
  • Die Skyline von Toronto
    photo credit: tourism toronto

    Die Skyline von Toronto

Share if you care.