Frühlingsgefühle durch die Kanüle

27. März 2006, 16:06
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Im Frühling erwacht der Wunsch nach der Idealfigur aus dem Winterschlaf - Neben Fitnessstudios und Ernährungs- beratern haben dann Fettweg-Ärzte Hochsaison

"Mir stehen manchmal die Haare zu Berge. Und dann", erklärt Helmut Hoflehner, "bekomme ich eine Gänsehaut." Aber mehr, als zu versuchen, bei anderen Menschen ebenfalls für erschrockene Augen zu sorgen, kann er nicht tun, weiß der plastische Chirurg. Weil es Mediziner im Grunde freisteht, sich das Präfix "ästhetisch" vor den eigenen Titel zu heften - und weil es kaum Möglichkeiten gibt, die Spreu vom Weizen zu trennen: "Zu viele Leute glauben da mitverdienen zu können - und belegen dann mitunter einen Nachmittags- oder Wochenendkurs, der ihnen angeblich die Befähigung gibt, Eingriffe wie etwa Fettabsaugungen vorzunehmen."

Und dann passieren, schildert der Gründer der "Österreichischen Servicestelle für plastische Chirurgie" (im Hauptberuf Plastiker in der "Schwarzl Tagesklinik" auf der Lassnitzhöhe) eben Dinge, bei denen ihm die Haare zu Berge stehen: "Auf einer Tagung erzählte mir etwa eine praktische Ärztin, dass sie jetzt auch Fett absaugt. Und sie fand es hochamüsant zu erzählen, dass da während einer Operation ihr vierjähriger Sohn von der Wohnung in den Behandlungsraum marschiert ist, dem Patienten die Hand auf den Bauch legte und mit Kennermiene sagte: ,Na, das schwabbelt aber noch ganz gewaltig.' - ich habe geglaubt, mich trifft der Schlag."

Annäherungshilfe an die Traumfigur

Es seien, erklärt der Mediziner, nämlich just solche Hygiene-Horrorszenarien, die in seiner Zunft und in seiner Kunst für ein Gutteil der Komplikationen verantwortlich wären. Und das schmerzt. Gerade zum Winterschluss. Schließlich entdecken mittlerweile immer mehr Menschen - Männer wie Frauen - gerade dann, wenn in den Magazinen die Frühlingsdiätenzeit beginnt und die ersten Bademodefotoserien erscheinen, dass neben Sport und Ernährung auch die kosmetische Medizin Annäherungshilfe an die Traumfigur verspricht. Und es wäre, betont Hoflehner, doch eigentlich Aufgabe des Arztes, da zum einen auf die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit hinzuweisen - und gleichzeitig auch den Respekt vor dem Eingriff zu vermitteln: "Auch wenn man heute bei der Fettabsaugung nur ein sehr kleines Loch in die Haut macht, ist das da drunter eine große Wunde."

Freilich entscheidet sich auch an der Art des Umgangs mit dem überschüssigen Fett, ob und wie es zu Komplikationen kommt: Schließlich würden immer noch zahlreiche Mediziner - neben der von Hoflehner als "sicherste Methode" genannten Tumeszenz-Methode - mit etwa eineinhalb Millimeter dünneren Kanülen auch weit weniger sichere Fettweg-Eingriffe praktizieren. Einer Komplikationsrate von zwei Promille, so Hoflehner, stünde "bei Fettabbau mittels Ultraschall, Laser oder Strom - und das wird immer noch bei etwa dreißig Prozent der Eingriffe so gemacht - ein vielfaches Risiko gegenüber." Genaue Zahlen, so der Mediziner, habe er zwar nicht im Kopf, aber wieso diese Methoden riskanter seien, könne man auch dem Laien leicht erklären: "Das Fett wird da richtig weggebrutzelt, wie wenn man Butter in der Pfanne schmilzt."

Die Tumeszenz-Methode

Bei der Tumeszenz dagegen, erklärt die in Wien tätige Dermatologin Hajnal Kiprov, wird die zu entfettende Region zunächst (mitunter literweise) mit einem Infiltrat aufgepumpt. Das enthält - unter anderem - gefäßverengende Substanzen und garantiert so, dass eben nur Fett und kein Blut den Körper verlässt. Darüber hinaus enthält der Einspritzcocktail auch ein Lokalanästhetikum: "Das wirkt entzündungs- und infektionshemmend", erklärt Kiprov - und habe noch einen weiteren Vorteil: "Der Patient ist bei vollem Bewusstsein, hat aber keine Schmerzen - und ich kann ihn zur Kontrolle immer wieder aufstehen lassen." Denn es mache, so die Medizinerin, "einen Unterschied, ob ich an einem liegenden oder einem aufrechten, wachen Körper modelliere."

Freilich: Ganz unwidersprochen will der Chirurg Hoflehner diese These nicht stehen lassen - zum einen, "weil ich bei wirklich hohen Infiltratsmengen so viel Lokalanästhetikum zusetzen müsste, dass das nicht unbedenklich ist." Und zum anderen, "weil das Aufstehen ein Hygienerisiko darstellen kann." Ein Einwand, gegen den sich Kiprov "vehementest verwahrt: Selbstverständlich halte ich alle Hygieneregeln penibelst ein."

Unumstritten ist allerdings, dass die reine Tumeszenz hilft, dem Lift zu entgehen: "Je kleiner und dünner die Kanüle," erklärt die Dermatologin, "desto eher zieht sich die Haut nach dem Eingriff selbst zusammen." Darüber hinaus gelte es aber, mit einem weit verbreiteten Irrtum aufzuräumen: "Seriöse Fettabsaugung dient in den sport- und diätresistenten Zonen immer eher der Körperformung als der Gewichtsabnahme."

"Liposhifting"

So sei es mitunter zielführender, kleine Fettpolster zu verschieben ("Liposhifting" heißt das dann), um Dellen, Löcher und Vertiefungen auszugleichen, als rundherum alles abzusaugen - und insgesamt sei der Fett-muss-weg-Reflex auch nicht das Gelbe vom Ei: "Gerade im Gesicht helfen Fettunterspritzungen oft, vital auszusehen - ich verwende dafür am liebsten Eigenfett." Und das lagert Kiprov in ihrer Kühlkammer - nach Absaugun- gen etwa zwei Jahre lang: "Fett ist fast unbegrenzt haltbar, aber ich kann doch nicht das Fett der ganzen Stadt aufheben."
(Der Standard/rondo/03/03/2006)

Von Thomas Rottenberg

Link

www.plastischechirurgie.org

www.kiprov.com
  • Das berühmte Vorher- ...
    foto: der standard

    Das berühmte Vorher- ...

  • ... und Nachher-Bild.
    foto: der standard

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