Berg- und Nasolabialfahrten

19. Mai 2006, 17:30
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Produktbeschreibungen von Anti-Aging-Cremen lesen sich wie Balsam für faltengeplagte Seelen. Doch was können Verjüngungscremen wirklich?

Claudia Schiffer hat eine Falte. Und diese trägt sie - frei nach Bertolt Brecht - im Gesicht. Wo sonst, und warum auch nicht, sollte man meinen, das Topmodell ist Mitte 30, hat einen anstrengenden Job und jetzt auch noch zwei Kinder. Das Besondere an Schiffers Nasiolabialfalte - so heißt die Kerbe, die sich mit den Jahren von der Nase zum Mundwinkel immer tiefer in die Epidermis einfräst - ist, dass sie sie für den Beauty-Konzern L'Oréal zur Schau trägt. Im Übrigen faltenfrei blickt die deutsche Schönheit gerade millionenfach von Werbeanzeigen. In ihrer rechten, eigenartig verdrehten Hand hält sie eine Tube. "Neuer Eingriff gegen Falten", steht in großen Lettern darunter, und was damit suggeriert wird, liegt auf der Hand: L'Oréals "Collagen Auffüller" ist zwar keine Spritze, würde aber gerne eine sein.

Der Collagenfüller im Spritzenlook ist jedenfalls ein Verkaufsschlager. "Nicht nur die Markteinführung war erfolgreich, sondern auch die Nachkäufe sind sensationell", erläutert L'Oréal-Unternehmenssprecherin Alexandra Pifl - das heißt: Die Creme wird nicht nur aus Neugierde, sondern auch zum zweiten und dritten Mal gekauft.

Anti-Aging-Boom

Laut European Forecast erwirtschaften die europäischen Beauty-Konzerne in dieser Produktkategorie rund 600 Millionen Euro jährlich - Tendenz steigend. Das Wettrennen mit der Konkurrenz könne, so Pifl, nur durch Forschung und Innovation gewonnen werden. "Nicht jede Creme ist eine Revolution, oft liegt die Kunst darin, richtige Konsistenz- und Wirkstofffaktoren zu kombinieren", erklärt Chemiker Erich Leitner, wissenschaftlicher Berater bei L'Oréal Österreich.

"Ein bisschen wie Germteig"

Die Produktbeschreibungen aller Verjüngungscremen lesen sich jedenfalls ganz fantastisch und sind Balsam für faltengeplagte Seelen. Gut klingt es, wenn Faltenvertiefungen zuerst mit allerbesten Substanzen aufgefüllt werden, ihre darin enthaltenen Wirkstoffe - die ganz sicher Collagen oder Elasten enthalten - sich in der Problemzone entladen, sich dann aufblasen und Wasser binden. "Man kann sich das ein bisschen wie Germteig vorstellen", sagt Markus David, Dermatologe am AKH. Der Effekt: Was schlaff war, wird glatt, und zudem ist eine Armada anderer Wirkstoffe am Werk, körpereigene Hautbildungsme- chanismen wieder in Schwung zu bringen.

Nur die obersten Schichten

Allein: "Die Kosmetikindustrie darf mit all ihren Wirkstoffen immer nur in die oberste Hautschicht einwirken", erklärt Hautarzt David, und da, wo markante Hautalterung und Substanzverlust wirklich stattfinden, nämlich in der Dermis, kämen sie einfach nicht hin. Ganz unten nämlich werden jene Collagen- und Elastinfasern gebildet, die ursächlich für straffe Haut verantwortlich sind. Was David definitiv weiß: Nur von Dermatologen vorgenommene Hyaluronsäure-Unterspritzungen in die unterste Hautschicht erzielen nachhaltige Faltenminderung. Cremen, sagt er, wären als Feuchtigkeitsspender gut und eine Art "Weichzeichner für die Haut." Davids Kollege Bernd Gmeinhart formuliert Anti-Aging drastischer: "Je mehr man erreichen will, umso aggressiver müssen die Methoden sein."

Hemmschwelle für Ops sinkt

Dass Beauty-Konzerne mit der Terminologie von Dermatologen spielen, ist deshalb auch kein Zufall. "In den vergangenen Jahren ist eine Konkurrenz im rhetorischen Diskurs zwischen Kosmetikindustrie und Schönheitschirurgie zu beobachten", bringt Bernadette Wegenstein, Professorin für Media Studies an der Universität in Buffalo und Autorin des eben bei MIT erscheinenden Buches "Getting under the skin" das Phänomen auf den Punkt. Sie weiß: Die Hemmschwelle für Schönheitsoperationen sinkt. "Für alle, die sich noch nicht trauen oder denen Unterspritzungen zu teuer sind, kommt die Alternative eben aus der Tube", erklärt Wegenstein.

"Wir arbeiten eng mit Trendforschern zusammen und entwickeln Produkte für die Bedürfnisse der Kunden rund um den Erdball", sagt L'Oréal-Marketingexpertin Pifl. Was sie noch sagt: Neben Forschung und Innovation sei das Marketing für den Erfolg eines Produktes verantwortlich. Claudia Schiffer, die wie eine Ärztin mit einer Spritze in der Hand auf Faltengeplagte herabschaut, macht ihre Sache anscheinend gut. Invasiv zu sein, ohne wirklich unter die Haut zu gehen ist der aktuelle Trend. Dass regelmäßige Pflege Falten glättet, kann Hautarzt Markus David ruhigen Gewissens unterschreiben. Sein Nachsatz: "Im Grunde genommen macht das aber jede Creme."
(Der Standard/rondo/03/03/2006)

Karin Pollack hat recherchiert
  • Die Tube des L'Oréal Collagen Auffüllers sieht aus wie eine Spritze und soll auch so wirken. Collagen-Biosphären füllen Faltenhohlräume, binden Wasser und glätten die Haut.
    foto: l'oreal

    Die Tube des L'Oréal Collagen Auffüllers sieht aus wie eine Spritze und soll auch so wirken. Collagen-Biosphären füllen Faltenhohlräume, binden Wasser und glätten die Haut.

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