Auftreten, um sich niederzuknien

19. Mai 2006, 17:30
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Wie kann man da den Überblick bewahren, bei all den hölzernen, bastenen, klobigen oder zierlichen Keilabsätzen in dieser Saison? Kerstin Engholm hat ihn

Im vergangenen Sommer kaufte ich mir, schon ziemlich schwanger, das letzte Paar ob meiner statisch zunehmend instabilen Lage. Ich fand sie in Rom bei Alberta Ferretti: wahre Highlights aus luxuriösem, türkisfarbenem Samt und fasanenfarbenen Federn. Sie gaben mir ein Gefühl der Erhabenheit. Das allerdings ist ein seltener Glücksfall, denn orthopädisch-konstruktivistische, rampenartige, tumbe Exemplare überwiegen und finden sich in jeder Saison.

Meine Mutter machte es in den frühen Siebzigern vor: Sie trug Jersey-Schlaghosen von Rodier, riesige Sonnenbrillen und Pucci-Kopftücher mit wilden Mustern, dazu ausschließlich meterhohe Keilabsätze. Sie fuhr hupend in ihrem Autobianchi vor das Tor unserer eher biederen Grundschule. Ihr Aufzug war meiner Schwester und mir peinlich, sodass wir uns hinter einer Hecke versteckten.

Der Übergang zum Plateau ist oft schleichend

Wahrscheinlich müssen wir den Keilabsatz rückblickend als emanzipatorischen Akt werten. Nachdem die meisten Frauen ihren Hintern und ihr gesamtes Leben auf pfenniggroßen Bodenhaftungen balanciert hatten, war er die logische Konsequenz. Sein klassischer Vertreter ist der Espandrillo en toute façon, ein Evergreen. Kühle, elegante Varianten aus buntem Lackleder mit textilüberzogenen Keilen auf modellierten, feineren Leisten, stehen groben, Elbkähnen gleichenden Modellen gegenüber. Beliebte Materialen für das Fundament sind Kork, Bast, Holz oder Kunststoff. Der Übergang zum Plateau ist oft schleichend.

Kunstwerke, laufende Skulpturen an den Füßen lehne ich ab. Überhaupt glaube ich nicht an den Transport einer Haltung durch Mode, sie muss lernen, sich zu bescheiden. Mit Anstand dekorieren!

Nachdem mich die Visionaire-Edition no. 37 der legendären Memos von Diana Vreeland - vormals 25 Jahre Herausgeberin von "Harper's Bazaar" und der amerikanischen "Vogue", Vertreterin einer inzwischen wohl ausgestorbenen Spezies - an ihren Staff motiviert hat, messerscharfe, zuweilen bösartige Urteile unterhaltsamer zu finden, als ewig zelebrierende Lobgesänge, verbrenne ich mir in diesem Sinne mit einer subjektiven Beurteilung der in dieser Sommersaison angebotenen Keilabsätze die Finger:

Prada: Mary-Jane-Verschlüsse zu Keilabsätzen, Bambusstelzen-Konstruktionen in den Farben fortschreitender Schwindsucht in Kombination mit fahlen Seidenkniestrümpfen, das sollten sich selbst intellektuelle Erfolgskünstlerinnen nicht antun.
Chloe: Retro, Retro, Retro, Fay Dunaway, London 70er, braune Sohlen, matte Schulranzenfarben.
Jil Sander: Oh, 80er, totlangweilige, brave Römerlatschen aufgestockt auf Sneakermaterial, da hilft auch kein silbernes Lackleder mehr. Alle warten auf Raf!
D & G, Cavalli, Moschino: Schöne Farben, Materialien und Verschlüsse, zu plumpe und hohe Keile
Marc Jacobs: Samt-Remakes aus der Prada-Saison von 1997.

Hier einige gelungene Kreationen: Pierre Hardy, Marni, Azzedine Alaia ... selbst Michael Kors (der Spießer). Helmut Lang hatte die schönsten, weg ist er. Zusammenfassend sei gesagt, ein falscher Keilabsatz zum falschen Outfit lässt sich mit Humor tragen, sonst besser in die Elbe, Verzeihung, Donau werfen. Die meisten schwimmen oben.
(Der Standard/rondo/03/03/2006)

Kerstin Engholm, geboren 1965 in Lübeck, studierte Kunst und Kunstgeschichte. Sie kam 1991 nach Österreich und gründete 1999 die Kerstin Engholm Galerie (seit 2004 Engholm Engelhorn Galerie).
  • Modell von Versace
    foto: versace

    Modell von Versace

  • Modell von Louis Vuitton
    foto: vuitton

    Modell von Louis Vuitton

  • Modell von Prada
    foto: prada

    Modell von Prada

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