Aufsetzen, um sich umzudrehen

19. Mai 2006, 17:30
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Warum nur sind gerade Schlapphüte das beste Accessoire für widerständige Primadonnen? Marlene Streeruwitz weiß es

Sie sehen zauberhaft aus. Geheimnisvoll. Sie verstecken und betonen. Hüte. Modische Hüte vollenden die Silhouette. Vervollständigen den Umriss der Person. Sie machen ganz. Sie machen die Ansicht einer Person zur Erscheinung. Hüte entziehen sich dem Modetalk, in dem nicht sportliche Jacke gesagt werden kann, sondern "lässiges Multitalent mit Stehkragen und Ziersteppnähten". Hüte können nicht umschrieben werden. Der Satz "Lo metti in testa, e sei subito primadonna" benennt es: Du setzt einen solchen Hut auf und bist sofort die Primadonna. Etwas Besonderes.

Mit diesen Schlapphüten nimmt das Besondere eine kleine Retro-Wendung. Hippiepsychedelisch. Ein vorsichtiger Anklang an die Zeiten, in denen die Töchter den vorgeschriebenen engen dunklen Rock mit Dior-Falte und das Twinset gegen Kleider der eigenen Wahl austauschten. Die Töchter kleideten sich auf einmal ganz anders als die Mütter. Heute ist es umgekehrt.

Ein kleiner Anstrich von Clochard und Sandler

Der Schlapphut war damals eine mutige Entscheidung. Der Schlapphut war vollkommen anders als jeder akzeptierte Hut. Die Männer hatten da gerade noch Hüte auf. Bei Wind, Schnee und Regen und bei besonderen Angelegenheiten. Die Frauen hatten - je älter desto sicherer - einen Sonntagshut und den Wetterhut für jede Jahreszeit. Der Schlapphut war höchstens ein Sonnenhut. Aber wer wollte sich damals vor der Sonne schützen? Der Schlapphut war zu nichts zu gebrauchen. Jedenfalls nicht zur Anpassung an Gelegenheiten gesellschaftlicher oder meteorologischer Natur. Ein Schlapphut ist unübersehbar. Der kleine Anstrich von Clochard und Sandler am Schlapphut löste Wutausbrüche bei den Gegner aus. Es war damals, wie es heute sein wird. Die Trägerin entscheidet sich dafür, etwas Besonderes sein zu wollen. "E sei subito primadonna."

Der Schlapphut wird auch in diesem Sommer eine mutige Entscheidung bleiben. Hierzulande ganz sicher. Hüte. Modische Hüte haben in diesem Land offenkundig eine Erinnerung an Gesellschaftsklassen bewahrt. Ein Aufsteigerinnenwille wird den Trägerinnen modischer Hüte nachgesagt. "Die will ja etwas Besseres sein", wird da nachgezischt. Oder wie mein Bregenzer tigergemustertes Winterhütchen sich sagen lassen musste: "Na. Schaut ganz schö deppat aus, dei Hüaterl." Das war in der Muthgasse. Um die Ecke vom Karl Marx Hof. Und ich hoffe, dass der junge Mann einem Missverständnis von Aufsteigen und Individualisierung unterlegen ist. Dass er nicht zwischen Besserem und Besonderem unterscheiden konnte. Aber ich glaube, das war kein Einzelfall. Hüte.

Die postmoderne Leichtigkeit fehlt

Modische Hüte werden mit Überheblichkeit identifiziert. Es fehlt die postmoderne Leichtigkeit. Denn, wenn etwas durch die Trägerin umdefiniert werden kann, dann ist das ein Schlapphut. Der kann heute ja auch als Zitat der Widerständigkeit der 60er aufgefasst werden.

Die Formel, dass jede Frau etwas Besonderes ist, sollte eigentlich zu einer Invasion des Schlapphuts führen. Und wenn die symbolischen Ordnungen schon beim Teufel sind, dann sollte es auch mit deren Enge zu Ende sein. Wir werden ja sehen, wie viele Primadonnen wir uns hier wert sind.
(Der Standard/rondo/03/03/2006)

Marlene Streeruwitz, geboren 1950 in Baden bei Wien, gehört zu den wichtigsten deutschsprachigen Schriftstellerinnen. Zuletzt erschienen von ihr die Novelle "morire in levitate" (€ 18,50, Fischer) und der Vorlesungsband "Gegen die tägliche Beleidigung" (€ 19,50, Fischer).
  • Modell von Sportmax
    foto: sportmax

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    foto: tod's

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