Ex-Bürgermeister von Wien gestorben

6. März 2006, 16:55
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Leopold Gratz starb im Alter von 76 Jahren - Bewegte Politikerkarriere, begleitet von Skandalen

Wien - Die Republik trauert um Leopold Gratz, der am Donnerstag im Alter von 76 Jahren gestorben ist. Gratz war unter anderem Nationalratspräsident, Unterrichtsminister, Außenminister, Klubobmann der SPÖ im Parlament und Wiener Bürgermeister.

Bundeskanzler Wolfgang Schüssel würdigte Gratz als einen "vielseitigen Politiker, der jede Funktion mit ganzer Kraft und Fantasie ausgeübt hat". SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer bezeichnete Gratz als "großen Sozialdemokraten und Humanisten, der sein Leben in den Dienst der Republik gestellt hat".

Seit 1989 im Privatleben

Gratz hatte sich 1989 praktisch vollständig ins Privatleben zurückgezogen. Damals hatte ihn seine Freundschaft mit Udo Proksch - einst Liebkind und Enfant terrible der Wiener Gesellschaft, später, nach dem Untergang der Lucona, wegen mehrfachen Mordes verurteilt - eingeholt, Gratz trat als Nationalratspräsident zurück. Diese Entscheidung "ist eine persönliche und sie ist politisch begründet", gab er damals bekannt.

Zuletzt hatte Gratz Anfang 2005 für einiges Aufsehen gesorgt, als er aus dem Bund Sozialdemokratischer Akademiker austrat. Eine Studie über "braune Flecken" im BSA und in der SPÖ kritisierte er als "einseitig". Empört war Graz vor allem über die Behandlung des ehemaligen Verstaatlichtenministers Karl Waldbrunner. "Einer Organisation, die den von mir so verehrten Karl Waldbrunner so hinstellt, muss ich nicht angehören."

Gratz wurde am 4. November 1929 in Wien-Ottakring als Sohn eines Bankbeamten geboren. Die SPÖ entdeckte er früh als politische Heimat. Als Jus-Student engagierte er sich bei den roten Studenten im VSStÖ. Seine berufliche Laufbahn startete er 1952 als Vertragsbediensteter im Landesarbeitsamt Wien. Ein Jahr später begann seine Parteikarriere als Angestellter im SPÖ-Parlamentsklub.

Von 1973 bis 1984 Bürgermeister von Wien

Im März 1966 kam Gratz erstmals in den Nationalrat, dem er bis zu seiner Nominierung zum Wiener Bürgermeister 1973 angehörte. Während seiner Parlamentszeit wurde Gratz nach dem Wahlsieg der SPÖ 1970 von Bundeskanzler Bruno Kreisky als Unterrichtsminister in das Minderheitskabinett geholt. Von 1973 bis 1984 war Gratz als Bürgermeister und Landeshauptmann von Wien tätig.

Die zweite Berufung in die Regierung - als Außenminister - erfolgte für Gratz im September 1984 durch Bundeskanzler Fred Sinowatz. Nach den Nationalratswahlen Ende 1986 übernahm Gratz die Funktion des Nationalratspräsidenten.

Die politische Karriere von Gratz war auch von Skandalen begleitet. Als Wiener Bürgermeister musste er beim Bau des Wiener AKH Schmiergeldzahlungen, Bestechungen und Kostenexplosion verantworten, nach dem Einsturz der Reichsbrücke bot er seinen Rücktritt an. Seine Freundschaft zu Proksch und der Fall Lucona wurden ihm als Innenminister angelastet, die Causa Noricum brachte ihn als Außenminister vor Gericht.

Gratz musste 1993 wegen unerlaubter Waffenexporte monatelang die Anklagebank mit dem früheren Bundeskanzler Fred Sinowatz und Ex-Innenminister Karl Blecha teilen, bis er, so wie die beiden anderen SPÖ-Politiker, letztlich vom Verdacht des Amtsmissbrauchs und des Beitrags zur Neutralitätsgefährdung freigesprochen wurde.

Gratz hat zwei erwachsene Söhne aus erster Ehe und eine Tochter aus zweiter Ehe. (pm, völ/DER STANDARD, Printausgabe, 03.03.2006)

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    Leopold Gratz verstarb am Donnerstag im Alter von 76 Jahren.

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