Lernen im Betrieb: Wunsch und Realität

21. März 2006, 14:36
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Nur drei von zehn ArbeitnehmerInnen werden im Unternehmen weitergebildet - geringer Qualifizierte sind besonders benachteiligt

Mal ist es Englisch, mal ein EDV-Kurs, dann sind Soft Skills gefragt: Jedes Arbeitsfeld fordert unterschiedliche Fähigkeiten, die immer wieder aufgefrischt werden müssen. Geht es nach den ArbeitnehmerInnen, dann findet diese Weiterbildung im Idealfall im Betrieb statt: 84 Prozent von ihnen treten laut einer aktuellen AK-Studie für einen Rechtsanspruch auf insgesamt eine Woche betriebliche Weiterbildung pro Jahr während der Arbeitszeit ein, bei ungelernten ArbeiterInnen sind es 78 Prozent. In beiden Fällen ist das Frauen noch wichtiger als Männern.

Die Realität sieht jedoch anders aus, weiß Michael Tölle von der Arbeiterkammer Wien: "Durchschnittlich werden nur 31 Prozent oder drei von zehn Personen in der Arbeitszeit und auf Kosten des Arbeitgebers im Betrieb weitergebildet." Die meisten ArbeitgeberInnen würden tendenziell höher gebildete und/oder höher positionierte ArbeitnehmerInnen weiterbilden: 13 Prozent der ungelernten ArbeiterInnen, aber 42 Prozent der leitenden Angestellten kommen in den Genuss betrieblicher Weiterbildung. Die Investitionsbereitschaft der Unternehmen nehme mit steigendem Alter der ArbeitnehmerInnen tendenziell ab – dies treffe vor allem jene, die nur über einen Pflichtschulabschluss verfügen und ArbeiterInnen: Von diesen Personengruppen werden nur mehr 12 bzw. 11 Prozent vom Betrieb weitergebildet.

Das bringe eine Spaltung beim Zugang zum lebenslangen Lernen mit sich, die immer größer zu werden drohe, weiß AK-Experte Tölle: "Jene, die ohnehin schon weniger in den Betrieb mitbringen und in einfachen Positionen mit weniger Einkommen beschäftigt sind, müssen sich die Kurse in der Freizeit und auf eigene Kosten leisten – was die Motivation erheblich senkt. Geringer Qualifizierte, die keine betriebliche Weiterbildung bekommen und sie sich auch privat nicht leisten, verlernen das Lernen und das Arbeitslosigkeitspotenzial steigt."

Branchenunterschiede

Branchenmäßig gesehen kamen 2005 in erster Linie Beschäftigte der Sparten Kunst, Medien und Erziehung in den Genuss von betrieblicher Weiterbildung. Überdurchschnittlich war der Wert auch im Gesundheits- und Sozialbereich, gefolgt von den Branchen Energie und Bergbau. Absolute Schlusslichter hingegen bildeten das Bauwesen sowie Gewerbe und Einzelhandel.

In allen Branchen gleich bedeutend ist die Rolle des Betriebsrats bei der betrieblichen Weiterbildung. In Unternehmen mit Betriebsrat nehmen deutlich mehr ArbeitnehmerInnen an Weiterbildung teil, als in jenen ohne. Je nach Betriebsgröße beträgt der Unterschied mindestens neun bis zu 13 Prozent.

Betriebsförderungen

Maßgeblich für das Angebot oder Nicht-Angebot von Weiterbildung im Betrieb ist für viele Firmen der Kostenfaktor. Gerade hier sollte aber am wenigsten gespart werden, weiß Qualifizierungsberater Alexander Real vom Berufsförderungsinstitut bfi wien, das Unternehmen in Fragen der betrieblichen Weiterbildung berät: "Es ist ein Fehler zu glauben, man braucht das nicht, denn wer auf Weiterbildung der MitarbeiterInnen verzichtet, versäumt die Weiterentwicklung des Betriebs." Bedeutend gesteigert werde das Interesse der ArbeitgeberInnen, wenn finanzielle Unterstützungen winken: "Wichtig ist es, den Firmen den Zugang zu Förderungen so einfach wie möglich zu gestalten", sagt Real. "Wir gehen aktiv auf die Kunden zu, informieren laufend über Veränderungen und Neuentwicklungen und versuchen gemeinsam mit ihnen herauszufinden, was passt." Lösungen für die adäquate Umsetzung gebe es dann genug: Vom Inhouse-Seminar über ausgelagerte Firmen-Workshops mit "Zuckerl" Seminarhotel bis zu Follow-ups, wo TrainerInnen nachsehen, wie das Erlernte im Alltag umgesetzt wird. (isa)

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