Kindern Nein sagen lehren

12. März 2006, 22:32
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Jugendpsychiater Ernst Berger: "Präventiver Ansatz ist sinnvoll"

STANDARD: Wie häufig ist sexueller Missbrauch von Kindern in Österreich?
Berger: Das traue ich mich nicht zu schätzen. Ich tappe da genauso im Dunkeln wie alle anderen Experten. Man muss sicher die Zahl der angezeigten und der gegebenenfalls verhandelten Fälle mehrfach multiplizieren.

STANDARD: Wird genug dagegen getan?
Berger: Es wird nicht genug an richtigen Dingen gemacht. Positiv ist, dass in den letzten Jahren das Problem enttabuisiert wurde. Negativ ist, dass die Methoden der Exekutive und der Justiz zu den hauptsächlich relevanten Antworten gemacht wurden. Sie sind aber nur ein Teil von einem Gesamtpaket. In den wenigsten Fällen haben sie das erste Mittel zu sein, in vielen sind sie auch nicht das wirksamste.

STANDARD: In Deutschland läuft seit kurzem ein Projekt, bei dem versucht wird, Pädophile noch vor Taten zu therapieren. Was halten Sie davon?
Berger: Der präventive Ansatz ist sinnvoll. Man bekommt so aber nur einen kleinen umschriebenen Kreis in den Griff. Ist es möglich, so eine nennenswerte Zahl an Männern zu erreichen, dann ist das ein Versuch, der es wert ist. Man denkt mit dem Begriff "Pädophiler" jedoch nicht an das Zentrum des Problems. Der Onkel, der auf Besuch kommt, wird damit nicht erfasst. Er wird sich auch bei einem derartigen Projekt nicht melden.

STANDARD: In Österreich gibt es keinen derartigen Versuch?
Berger: Den Grund habe ich schon angesprochen. Hier wird mit Methoden von Exekutive und Justiz gearbeitet, nicht mit denen der Therapie und Hilfe.

STANDARD: Wie können Eltern ihre Kinder vor Missbrauch schützen?
Berger: Die hauptsächliche Antwort bei der Prävention hat nicht so sehr auf Täterseite stattzufinden, sondern auf Opferseite. Der pädagogische Weg, das Selbstbewusstsein der Kinder zu stärken, damit sie Nein sagen lernen, erscheint mir der sinnvollste. Es müssen sich auch die gesellschaftlichen Machtstrukturen verschieben. Jugendlichen muss die Möglichkeit gegeben werden, darüber zu sprechen, ohne dass es einem Tabubruch gleichkommt.

ZUR PERSON: Kinder- und Jugendpsychiater Ernst Berger ist Vorstand der Neurologischen Abteilung für Kinder und Jugendliche im Krankenhaus am Rosenhügel. (DER STANDARD Printausgabe 2.3.2006)

Zur Person

Kinder- und Jugendpsychiater Ernst Berger ist Vorstand der Neurologischen Abteilung für Kinder und Jugendliche im Krankenhaus am Rosenhügel.

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    foto: standard/ heribert corn

    Ernst Berger

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