Kinder lieben, mehr, als einem lieb ist

12. März 2006, 22:32
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In Berlin sollen Pädophile erstmals therapiert werden - noch bevor sie Kinder missbrauchen - Fast keine Woche ohne neue Bewerber

Sie kommen in Scharen. Fast keine Woche ohne neue Bewerber. An der Berliner Charité sollen Pädophile erstmals therapiert werden - noch bevor sie Kinder missbrauchen. Peter Mayr hat sich dieses Vorhaben angesehen.

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Das "Böse" trifft sich in einem unscheinbaren Hinterhaus im 2. Stock in Berlin-Mitte. Und es sieht weniger böse als vielmehr unglücklich aus. "Die Männer, die zu uns kommen, leiden richtig", sagt der Sexualmediziner David Goecker, Mitarbeiter am dortigen Institut für Sexualmedizin. An der Berliner Klinik Charité werden Pädophile seit diesem Monat in einem weltweit einzigartigen Projekt präventiv behandelt, nicht erst nach dem Missbrauch eines Kindes. "Sie haben keine Therapieauflagen, sind weder inhaftiert, noch läuft ein Strafverfahren. Sie kommen, weil sie es wollen", sagt Goecker im Gespräch mit dem STANDARD.

Männer aus allen Gesellschaftsschichten

Und sie kommen in Scharen. Fast keine Woche ohne neue Bewerber, 335 gab es insgesamt, die sich trotz der Angst, "enttarnt" zu werden, meldeten, ungefähr 130 Erstgespräche wurden geführt. Nun startete das Projekt mit den ersten 36 Pädophilen. Gefunden wurden die "Probanden" - Männer aus allen Altersgruppen und Gesellschaftsschichten, auch Familienväter - durch eine Medienkampagne. "Lieben Sie Kinder mehr, als Ihnen lieb ist?", lautete der harmlos klingende Text auf den Plakaten.

Anrufe auch aus Österreich

Die Kampagne schlug breite Wellen, auch aus Österreich kamen Anrufe. In das Programm konnten die Interessierten aus dem Nachbarland nicht aufgenommen werden. "Wöchentlich für eine Therapiesitzung nach Berlin anzureisen, kann man niemandem zumuten", sagt Goecker. Der Bedarf an ähnlichen Projekten sei aber auch hier dringend gegeben, meint der Mediziner: "Das fehlende Behandlungsangebot ist tatsächlich ein großes Problem."

Pädophilen-Anteil liegt zwischen 0,2 und einem Prozent

Wenn es diese Panik vor dem Entdecktwerden nicht gäbe, sagt Goecker, wären es wahrscheinlich tausend gewesen. "Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen liegt der Pädophilen-Anteil in der Bevölkerung zwischen 0,2 und einem Prozent", so Goecker. Anders formuliert: Wer hundert Männer kennt, hat statistisch gesehen einen Pädophilen im Bekanntenkreis.

Pädophilie kann nicht geheilt nur kontrolliert werden

Warum sich bei diesen das sexuelle Interesse auf Kinder konzentriert, ist für die Wissenschaft noch immer ein Rätsel. Und: "Pädophilie kann nicht geheilt werden", sagt der Sexualmediziner, "ich kann niemanden umpolen." Ziel sei eine Verbesserung der sexuellen Impulskontrolle. Behandelt wird einmal pro Woche, ein Jahr lang. Für Goecker und sein Team sind die Männer "Patienten", denen geholfen werden muss. Sie hätten sich ihre sexuelle Neigung ja nicht ausgesucht. Eines bleibt aber, sagt der Arzt: "Sie sind verantwortlich für ihr Handeln. Das muss auch immer wieder vermittelt werden." Auf dem Stundenplan steht neben Informationen zu Medikamenten, die das sexuelle Verlangen verringern, auch ein Training, Gefahrensituationen zu erkennen und zu vermeiden und die sogenannte Opferempathie: "Sie müssen verstehen, welches Leid sie Kindern zufügen können", sagt der Arzt.

Reden ist eine Hilfe

Über ihr Verlangen nach Kindern reden zu können, sei für Pädophile schon eine große Hilfe, heißt es in der Charité. Denn meist sind weder ein Freund noch die Ehefrau eingeweiht - so es beides gibt. Die Forscher ermutigen ihre Patienten daher, eine Vertrauensperson zu finden. Wobei man zugibt: "Sie werden auf große Ablehnung stoßen."

Opfervertreter kritisierten Investition

Selbst das Institut tut sich schwer im Umgang mit den "Patienten". Ein Besuch des Instituts ist zwar möglich, Gespräche mit den Probanden sind aber nicht erlaubt. Schriftliche Fragen, die von den Männern beantwortet wurden, gibt das Institut nicht heraus. Ein Medienansturm wird befürchtet. Den gab es schon - wenn auch kurz. Opfervertreter kritisierten, dass für potenzielle Täter Geld ausgegeben werde. An der Charité sieht man hingegen den Kampf gegen neue Täter als besten Opferschutz.

Ein Ziel für das kommende Jahr haben die Forscher bei den "Patienten" schon erreicht: Wer am Programm teilnimmt, musste eine Garantieerklärung abgeben, während der Therapie keinen sexuellen Übergriff zu begehen. (DER YSTANDARD Printausgabe 2.3.2006)

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    Kinder mehr zu "lieben", als ihnen lieb ist - dieses Problem griff auch der Regisseur Giancarlo del Monaco auf, als er in Erfurt voriges Jahr mit Engelbert Humperdincks Märchenoper "Hänsel und Gretel" die Verdrängung des Missbrauchs von Kindern thematisierte.

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