Ungarn: Wahlkampf mit Hackern und Entertainern

3. März 2006, 09:44
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Wachsende Nervosität bei Großparteien

Mit dem näher rückenden Termin der ungarischen Parlamentswahlen (der erste Durchgang findet am 9. April, der zweite am 23. April statt) gerät der Schlagabtausch der Großparteien zur Groteske. Viktor Orbáns rechtskonservative Fidesz (Junge Demokraten), die die regierende sozialistisch-liberale Koalition unter Ministerpräsident Ferenc Gyurcsány aus dem Amt hebeln will, hat vorläufig die stilistische Tiefstmarke gesetzt. Fidesz musste einräumen, in den Internetserver der Sozialisten (MSZP) eingebrochen zu sein.

Unter Verwendung eines geheimen Passworts luden Fidesz-Aktivisten interne Dokumente der MSZP herunter. Die Polizei ermittelt gegen Unbekannt. Nun will Fidesz wegen dieses Fehltritts angeblich ihren Wahlkampfleiter Antal Rogan entlassen.

Orbáns Rivale Gyurcsány produzierte sich unterdessen als Entertainer. Auf unbekannten Wegen gelangte ein Video auf die Website der britischen Rundfunk- und Fernsehanstalt BBC. Es zeigt den sportlichen 44-Jährigen beim Solotanzen in seinem Amtszimmer. Gyurcsány hatte das Band seinem Sprecher András Batiz zu dessen Hochzeit geschenkt. Gegen die Veröffentlichung protestierte der Regierungschef nicht. Noch aggressiver ist der Wahlkampf an der Basis. In Pecs (Fünfkirchen) wurde einer älteren Fidesz-Aktivistin von einem Fidesz-Gegner bei einer Flugblattaktion das Handgelenk gebrochen. In einem Budapester Treppenhaus schoss ein Bewohner einem Helfer der liberalen SZDSZ, des Juniorpartners in der Regierung, mit einer Gaspistole in den Kopf. Der Mann kam leicht verletzt davon.

Knappes Rennen

Nach der neuesten Umfrage des ungarischen Gallup-Instituts ist das Rennen zwischen Fidesz und Sozialisten knapp. Fidesz liegt mit 29,2 Prozent vor MSZP (26 Prozent), doch zugleich wuchs das Lager der Unentschlossenen auf 37 Prozent. Zählt man nur jene, die sicher an den Wahlen teilnehmen wollen und sich schon für eine Partei entschieden haben, liegen MSZP und Fidesz laut Gallup fast gleichauf. Die spannendste Frage bleibt aber, ob die Liberalen, traditionelle Partner der Sozialisten, den Einzug ins Parlament schaffen. Der Umfrage zufolge liegen sie knapp unter der Fünf-Prozent-Hürde. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.3.2006)

Kathrin Lauer aus Budapest
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