Östereich bei Studierenden aus bildungsfernen Schichten am unteren Ende

9. August 2006, 10:11
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Laut Eurostudent 2005 nur acht Prozent der Studierenden - ÖH schätzt Zahl der erwerbstätigen Studierenden auf "weit über 80 Prozent"

Wien/Graz - Besonders in Österreich, Deutschland, Frankreich und Portugal sind Kinder aus der Arbeiterschicht bei höheren Bildungsinstitutionen massiv unterrepräsentiert. Das belegt der Eurostudent 2005. "Es schaut schlecht aus", klagt ÖH-Chefin Barbara Blaha. Studierende aus Akademikerfamilien stellen knapp 60 Prozent, aus Arbeiterfamilien nur acht Prozent. "Die Uni ist kein Abbild unserer Gesellschaft." Man gebe Studierenden aus bildungsfernen Schichten "nicht das Gefühl, dass sie hier richtig sind", betont Blaha. Ihre Forderung: "Die Professoren gehören sensibilisiert."

Anita Ziegerhofer-Prettenthaler, Historikerin an der Uni Graz, verdankt ihre heutige Position ihrer Leistung, Ausdauer und "einem Quäntchen Glück" - "meine gesellschaftliche Position hat damit nichts zu tun gehabt. Hauptsache war, dass ich ins System gepasst habe".

"Besonders in der gegenwärtigen politischen Situation werden Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten bewusst ignoriert", kritisiert Theologe Christian Wessely von der Uni Graz. Er und seine zwei Brüder wurden von der Mutter, einer allein erziehenden Landwirtin, aufgezogen - die einzige staatliche Hilfestellung: Schul- und Fahrtkostenbeihilfe. Sein Studium finanzierte er sich als Musiker.

Die ÖH schätzt die Zahl der erwerbstätigen Studenten auf "weit über 80 Prozent", ein Grund dafür, dass knapp die Hälfte der Studenten ihr Studium abbricht. "Wenn sie nebenbei Geld verdienen müssen, ist es unmöglich, in der kürzesten Zeit fertig zu werden", sagt Christiane Spiel, Dekanin der Wiener Fakultät für Psychologie.

Abbruch und Existenz

"Studierenden aus höher gestellten Familien fällt der Abbruch leichter", sagt Herwig Kainz, Präsident des österreichischen Gewerbevereins, denn diese kämen auch ohne Diplom zu guten Positionen.

Studenten aus "gutbürgerlichem Haus" sind sehr wohl hohem Druck ausgesetzt, meint Reinhold Stumpfl. Nach Studienabbruch im Fach Elektronik und Nachrichtentechnik baute er sein Video-Technik-Unternehmen und wurde damit "Unternehmer des Jahres 2005". "Aus der Nichtanerkennung entwickelt man Energien, die zu großen Leistungen anspornen." Wichtig sei, dass man etwas für sich abschließt: egal, ob eine letzte große Prüfung oder, wie er, ein Ingenieurs- Kolleg. (DER UNISTANDARD, Printausgabe, 2.3.2006)

Von Réka Tercza und Jan Marot
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    Wer hoch hinaus will auf der Uni-Karriereschaukel, hat es schwer. Nur acht Prozent der Studenten kommen aus "bildungsfernen" Schichten.

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