"Chancengleichheit nicht gegeben"

9. August 2006, 10:11
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Soziale Selektivität ist fatal für die Leistungs­gesellschaft, sagt der Linzer Soziologe Johann Bacher im UniStandard- Interview

UniStandard: Wie sehr verschärfen sich soziale Ungleichheiten durch frühe, prägende Entscheidungen im Bildungsweg?

Johann Bacher: In Österreich ist die soziale Selektivität besonders hoch. Das haben die Pisa-Studie und viele andere Studien gezeigt. Je früher die Hürde, umso stärker ist auch die soziale Selektivität.

UniStandard: Kann man dem entgegensteuern oder muss man die Chancendifferenz als unausweichlich ansehen?

Bacher: Dem muss auf jeden Fall entgegengesteuert werden. Für eine Gesellschaft, der Leistung und Wissen wichtig ist, ist das fatal, weil da die Motivation langfristig untergraben wird und es bedeutet, dass jemand aufgrund von Geschlecht, sozialer Herkunft und Nationalität schlechtere Startbedingungen hat.

UniStandard: Verstärken zum Beispiel die Studiengebühren diese soziale Selektivität?

Bacher: Auf jeden Fall werden diese zurzeit durch die Zugangsregelungen verstärkt. Ein wichtiger Faktor ist dabei auch das elterliche Einkommen. Die Situation der sozialen Selektivität könnte aber durch ganztägige Schulformen und späte Richtungsentscheidungen verbessert werden.

UniStandard: Ist die Mobilität innerhalb Europas ein Weg, um das soziale Ungleichgewicht an den Universitäten zu verringern?

Bacher: Das hängt sehr stark vom Stipendiensystem ab, ob ausreichende Stipendien vorhanden sind und hinreichende Förderungen gewährt werden.

UniStandard: Stehen jedem dieselben Chancen zu, sein Studium zu bewältigen?

Bacher: Formal ja, materiell ist das aber nicht möglich, da materielle Chancengleichheit momentan nicht gegeben ist.

UniStandard: Der Soziologe Pierre Bourdieu meinte, dass soziale Unterschiede verschleiert reproduziert werden . . .

Bacher: . . . Bourdieu meint mit "unbewusst", dass zum Beispiel die Lehrkräfte sich dieser Reproduktion nicht bewusst sind. Dabei kann man sich folgenden Mechanismus vorstellen: Kinder aus einem wohlhabenden Elternhaus haben eine höhere sprachliche Ausdrucksfähigkeit, werden von Lehrern als "kompetent" eingestuft und gezielt gefördert. (DER UNISTANDARD, Printausgabe, 2.3.2006)

Das Gespräch führte Reka Tercza.
  • Zur PersonJohann Bacher (geb. 1959 in Wels) lehrt empirische Sozialforschung an der Uni Linz.
    foto: privat

    Zur Person
    Johann Bacher (geb. 1959 in Wels) lehrt empirische Sozialforschung an der Uni Linz.

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