AGES: Denken Sie sich das Virus als Golfball

13. März 2006, 11:23
9 Postings

Virus Keimfreie Eier, Kopien und Schnipsel - Wie das nationale Referenzlabor in Mödling das H5N1-Virus in toten Vögeln findet

Mödling – Mindestens einen Tag braucht das Labor der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (Ages), um die Vogelgrippe nachzuweisen.

Zuerst schneiden die Tierärzte den toten Vogel auf. Wenn sie in Lunge, Darm und Bauchspeicheldrüse Blutungen feststellen, besteht der Verdacht auf Grippe-Infektion. Abstriche der betroffenen Organe kommen in ein Lösungsmittel, das das Erbgut des Virus in Form der Ribonukleinsäure (RNA) aus dem Gewebe holt. Von der RNA produzieren die Experten Millionen Kopien. Dieses Verfahren heißt Polymerase-Kettenreaktion (PCR), brachte 1984 dem deutschen Mediziner Georges Köhler den Nobelpreis und dauert bis zu acht Stunden. Es weist nach, ob ein Vogel mit einem Virus der Influenza-A- Gruppe infiziert war, zu der H5N1 gehört.

H5N1, ein Golfball

"Denken Sie sich das Virus als Golfball", sagt Josef Köfer von der Ages. Wo der Golfball Dellen hat, sitzen beim Virus Antennen, die an die Zellwände des Wirtstieres andocken. Hämaglutenin heißt das Enzym, mit dem sich das Virus vor allem in den Schleimhäuten festkrallt, und dafür steht das H in H5N1. Das N bedeutet Neuraminitase. Mit diesem Enzym schleust sich das Virus wieder aus der Zelle, nachdem es sich dort vermehrt hat.

Die Experten kennen 16 Subtypen der Influenza A; sie sind unterschiedlich gefährlich, und sie alle werden mit H und N kategorisiert. Für die Untersuchung auf H5N1 kommt ein zweites Mal die PCR zum Einsatz. Gleichzeitig impfen die Experten das Virus in absolut keimfreie Eier von Laborhennen ein. "Mit PCR erkennt man nicht, ob das gefundene Virus auch virulent war, also gelebt hat", erklärt Josef Köfer. Sterben dagegen innerhalb 48 Stunden die Embryonen in den Eiern, ist H5N1 zweifelsfrei nachgewiesen.

Die Schnipsel des Virus

Im letzten, sehr aufwändigen Schritt wird geprüft, ob das H5N1-Virus in der hoch ansteckenden asiatischen Variante vorliegt. Dazu zerteilen die Experten die RNA des Virus in kleinste Schnipsel – so genannte "Cordons" – und vergleichen sie mit RNA-Sequenzen aus einer Art Archiv. Darum heißt das Verfahren "Sequenzierung".

Die Ages prüft die vielen eingelieferten Vogelkadaver zurzeit nur auf H5N1. Den letzten Schritt übernimmt das EU-Referenzlabor im britischen Weybridge, das jeden Befund aus der EU formal bestätigen muss. Länder ohne eigene Labors schicken ihre Proben direkt nach Weybridge. (Daniel Kastner, DER STANDARD Printausgabe 2.3.2006)

Share if you care.