Im schwindenden Schatten Freuds

1. März 2006, 18:28
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Bis März 1938 wurde Else Pappenheim im Wiener Psychoana­lytischen Institut in der Berggasse ausgebildet - deshalb kann sie so manchen Freud-Mythos relativieren

New York/Graz - "Freud? Der war doch nur noch als Schattenfigur präsent. Einige der Lehranalytiker hielten sich an seine Ideen, viele andere brachten ihre eigenen Vorstellungen ein." - Wer das sagt, ist die heute in New York lebende Else Pappenheim, mit knapp 95 Jahren das wohl letzte noch lebende Mitglied des legendären Wiener Psychoanalytischen Instituts, das vor dem Anschluss Österreichs in der Berggasse beheimatet war.

Genau genommen sagt sie es nicht, sondern lässt es ausrichten. Von Stephen Frishauf, ihrem Mann. Der - neun Jahre jünger als seine Frau - beantwortet Anfragen an sie via E-Mail. Dabei berichtet er dann auch gleich, wie es "meiner Else" geht: Ihre Sehschwäche sei noch ärger geworden, sie müsse mittlerweile geführt werden. Dennoch sei sie nach ihrem Hüftbruch im letzten Frühjahr alles in allem wieder "ganz gut beisammen". Auch geistig, weshalb sie sich nach wie vor an ihre Ausbildungszeit in Wien erinnern könne.

Auch an Sigmund Freud? Nein, lässt sie Frishauf ausrichten, Freud hätte sie nicht mehr kennen gelernt. "Zu Elses Zeiten", fügt er hinzu und meint damit ihre Ausbildung am Psychoanalytischen Institut ab Herbst 1937, "war Freud ja schon durch seine krebsbedingte Kieferprothese so entstellt gewesen, dass er keine neuen Menschen mehr kennen lernen wollte."

Doch ihre Mutter Edith, das weiß Else Pappenheim noch genau, war dem Begründer der Psychoanalyse öfters begegnet. Sie war nämlich gelegentlich bei Freuds Schwägerin Minna Bernay zum Tee eingeladen gewesen und dort auf Freud getroffen. Er sei "gleich einem lieben Geist" zu den Teekränzchen gekommen.

Else Pappenheims Erinnerung verklärt nicht. Auch nicht im Freud-Jahr. Schon in ihren Schriften, die der Salzburger Analytiker Bernhard Handlbauer herausgegeben hat - Else Pappenheim: Hölderlin, Feuchtersleben, Freud. Beiträge zur Geschichte der Psychoanalyse, der Psychiatrie und Neurologie (Nausner & Nausner, Graz 2004) -, bleibt sie nüchtern. Nicht nur bezüglich Freud. Auch das Wiener Psychoanalytische Institut und die Psychoanalyse ganz generell werden von ihr nicht überhöht. So erklärt sie auch, dass die Größe des Instituts völlig überschätzt würde: Wenn vom Wien der Zwischenkriegszeit die Rede sei, gewinne man den Eindruck, dass es hunderte von Analytikern gegeben habe. Es gab sie aber nicht - es "waren da nicht mehr als etwa 30 Personen".

"Es war wie eine Sekte"

Die bildeten jedoch eine eingeschworene Community: "Es war wie eine religiöse Sekte. Wir Studenten haben uns oft darüber lustig gemacht. Trotzdem war auch bei uns viel Begeisterung, aber nicht dieser persönliche Kult."

1911 in Salzburg geboren und dann in Wien aufgewachsen, lernte Else Pappenheim bereits mit 15 Jahren die meisten Analytikerinnen und Analytiker der Stadt kennen. Weil ihr Vater Martin Pappenheim, Professor für Neurologie und Psychiatrie, Mitglied der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung (WPV) war; allerdings nicht als aktiver Analytiker, sondern bloß aus Interesse.

Das reichte jedoch für Else Pappenheim, um von Jugend an Kontakt zu den zentralen Figuren der WPV zu haben - und sie als ganz normale Menschen zu sehen. Ihr eigener Schritt in die Psychoanalyse erfolgte erst gegen Ende des Medizinstudiums, in dessen Verlauf sie sich auf Psychiatrie und Neurologie spezialisiert hatte. Sie tat diesen Schritt, um "eine bessere Psychiaterin zu werden".

Das Ende des Instituts

1934 begann sie deshalb ihre Eigenanalyse bei Otto Isakower; drei Jahre später wurde sie ins Psychoanalytische Institut aufgenommen, in dem sie ihre theoretische Ausbildung zu absolvieren hatte. Zusammen mit ihren vor allem ausländischen Kollegen lernte sie bei so schillernden Persönlichkeiten wie Heinz Hartmann, Anna Freud, Paul Federn und Otto Fenichel, bis im März 1938 während eines Seminars bei Hartmann "Heil Hitler"-Rufe von der Straße zu hören waren - das Ende des Wiener Instituts. Was zudem zur Folge hatte, dass Else Pappenheim ihre Ausbildung erst in den USA, nach der Emigration, abschließen konnte.

War ihr die Wiener Ausbildung später in der psychiatrischen Praxis wenigstens hilfreich gewesen? "Nein", lässt sie nun Stephen Frishauf per E-Mail kurz und bündig antworten. Was zu dem passt, was sie schon früher sagte, dem aber zugleich auch widerspricht. Else Pappenheim hat immer ein ambivalentes Verhältnis zur Psychoanalyse gehabt: Mit der Analyse lerne man "mehr über eine Person als auf jede andere Art", zitiert Handlbauer sie in genanntem Buch. Dort lässt Else Pappenheim aber auch durchklingen, dass sie die moderne Hirnforschung ungemein schätze. Und dass auch Freud diese wohl sehr geschätzt hätte, da er ja gehofft habe, dass man früher oder später das "physiologische Substratum" finden würde, das "hinter" den psychischen Erkrankungen stecke. Sind also Gehirnwissenschaften die Zukunft der Psychiatrie? "Keineswegs."

Letztlich rechnet Else Pappenheim noch immer mit einer Zusammenführung von Analyse und Hirnforschung, wünscht sie sich. Weshalb sie am Ende der Mail-Korrespondenz ihren Gatten noch ausrichten lässt, dass der heutige Boom der Hirnforschung "50 Jahre zu spät" komme. Zumindest 50 Jahre zu spät für sie. (Christian Eigner/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2. 3. 2006)

  • Relativiert manchen Mythos um Sigmund Freund und die Wiener Psychoanalyse: Else Pappenheim (Archivfoto von 2004)
    foto: standard/heribert corn

    Relativiert manchen Mythos um Sigmund Freund und die Wiener Psychoanalyse: Else Pappenheim (Archivfoto von 2004)

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