Hochgeschlossen und hinter Gittern

6. Juli 2006, 16:11
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Starker Start in die Pariser Modewoche: Balenciaga, Dior, Viktor & Rolf überzeugen

Der Beginn der Pariser Modewoche ist eine allerletzte Warmlaufphase. Die Italo-Chic-Schauen in Mailand sind vorüber, die wirklich großen Häuser zeigen aber erst gegen Wochenmitte und -ende. Zeit für die Konzeptkünstler unter den Designern.

Als solchen wird man Nicolas Ghesquière, Kreativchef von Balenciaga, zwar kaum bezeichnen können. Seine überragende Schau für Herbst/Winter 2006/07 reihte sich allerdings wunderbar ein zwischen Intellektlabels wie Yohji Yamamoto (er griff die voluminösen Silhouetten aus seinen Anfängen wieder auf), Victor & Rolf oder Issey Miyake (das japanische Label experimentierte v.a. mit Leder).

Balenciaga gilt bereits jetzt als eine der Shows in dieser mehr als überdurchschnittlichen Saison. Und das, obwohl Ghesquières Kreationen den Geist des Archivs atmen: jenes des großen Couturiers Cristobal Balenciaga, der in den  50ern und 60ern die Mode mit Architekten-Augen sah.

Auf Volumen (und auf neue Materialien) setzt auch Ghesquière. Kurze Mäntel in A-Linie und abgerundeten Schultern (die 60er-Jahre-Reminiszenz) treffen auf abstehende Miniröcke oder auf eiförmige Kleider (ein Tribut an die aufkommende 80er-Jahre-Modeseligkeit). Mit dabei immer hoch aufragende Reiterkappen. Damit liegt der Jungstar seiner Generation perfekt im Zeitgeist: Vorbei ist der Girlie-Look. Mehrlagige, hochgeschlossene Kleider und feste Materialien führen sogar bereits dazu, dass in der Modewelt über eine "Islamisierung" spekuliert wird, und auch wenn dieses Wort mit Vorsicht zu genießen ist: Die Designer interpretieren Sexyness neu.

Selbst jemand wie Jean-Paul Gaultier setzte in seiner Romantik-Schau mehr auf Stoff- denn Hautschau, bei Dior trieb  John Galliano dagegen sein Revolutionsthema, das er bereits in der Couture zelebrierte, weiter: Mit Kreuzen um den Hals und blonden Perücken auf dem Haupt zeigten seine Models schmale Jacken mit vertikalen Pelzstreifen, bodenlange Mäntel oder bauschige Rüschenkleider. Ein Rock-Konzert im "Gothic-Chic".

Das Designduo Viktor & Rolf setzte dagegen auf eine in Silber gegossene Version des New Look. Ein genialer Abgesang auf die Silhouette der Fünfziger – aber wie öfters bei diesem Künstlerduo wohl von vornherein fürs Museum gedacht. Schade eigentlich. (Der Standard, Printausgabe 2.3.2006)

Stephan Hilpold aus Paris
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    Von Viktor & Ralph

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