"Analphabetismus ist ein Tabu-Thema"

2. Jänner 2007, 12:10
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Zwanzig Prozent der Fünfzehnjährigen können nicht ausreichend lesen und schreiben - Das Wiener Projekt "A-Z" hilft Betroffenen, die dieses Problem bewältigen wollen

"Risiko-SchülerInnen" nennt man in der Bildungspsychologie jene jungen Menschen, die Probleme haben sich im Alltag zurechtzufinden. Die Schwierigkeiten reichen von Lese- und Schreibschwäche bis hin zur Desorientierung in räumlichen und zeitlichen Zusammenhängen, wobei beispielsweise das Ablesen von Uhren oder die selbstständige Recherche in Zug- oder Stadtplänen unüberwindliche Hürden darstellen können. Beachtlich dabei ist, dass davon überwiegend junge Männer betroffen sind - 68 Prozent der so genannten Risiko-Schüler sind männlich.

Ein schwerer Start

Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass jede/r zweite ErstklässlerIn am Beginn seines/ihres Bildungsweges Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben hat. In den meisten Fällen wird dieses anfängliche Defizit ohne fremde Hilfe überwunden. Verschiedene Studien ergaben jedoch, dass zwischen zehn und zwanzig Prozent der VolksschülerInnen anhaltende und größer werdende Entwicklungsrückstände hatten, die ohne fremde Hilfe nicht mehr aufzuholen waren. Bei mangelnder oder fehlender Unterstützung können diese SchülerInnen AnalphabetInnen werden.

Verschiedene Arten von Analphabetismus

Grundsätzlich unterscheidet man zwischen drei Arten von Analphabetismus. Der in Österreich praktisch nicht relevante "Primäre Analphabetismus" bezeichnet Menschen, die keine Schulausbildung erhalten haben. Von "Sekundärem Analphabetismus" spricht man, wenn die Betroffenen zwar zur Schule gingen, aufgrund sozialer, individueller und / oder unterrichtsmethodischer Ursachen sich jedoch ein Lernrückstand entwickelte, der das Gelernte wieder vergessen ließ. "Funktionaler oder Tertiärer Analphabetismus" liegt vor, wenn nicht ausreichend dem Unterricht gefolgt werden kann, und daher später der Sinn von Texten nicht verstanden wird respektive massive Schwierigkeiten beim Verfassen von Texten bestehen.

Diagnose: Analphabetismus

Wenn jemand trotz kaum vorhandenen Rechtschreibkenntnissen sich schriftlich auszudrücken vermag, gilt er/sie nicht als AnalphabetIn. Sobald jedoch lautgetreues Schreiben nicht mehr möglich und dadurch das Niedergeschriebene kaum noch verständlich ist, spricht man von Analphabetismus.

Betroffene können nicht lesen, weil entweder nur wenige Buchstaben erkannt oder überhaupt nicht verbunden werden können. Das Erraten von Wörtern oder das fehlende Verständnis für den Sinn zählt zu den primären Symptomen dieser Lernstörung.

Projekt A-Z

Das vom Bundessozialamt finanzierte Alphabetisierungsprojekt A-Z hilft jungen Menschen bis 25, die aufgrund unterschiedlicher Ursachen AnalphabetInnen geworden sind. Geleitet wird A-Z von den Psychologen Gerda und Michael Gräven, das sich Anfang 2005 aus dem seit 1998 bestehenden Institut für Kinder und Jugendliche mit Legasthenie und Lernschwierigkeiten entwickelt hat. "Wir sind seit Beginn an ausgebucht und könnten derzeit das Projekt stark vergrößern, da es laufend Anfragen gibt", sagt Gerda Gräven über den Bedarf nach einem Alphabetisierungsprojekt für junge Menschen mit deutscher Muttersprache. "Es gibt einige Projekte, die sich mit lernschwachen Jugendlichen und Kindern mit ausländischer Herkunft beschäftigen. Wir haben in unserer Gruppe auch jemand mit nicht-österreichischer Staatsbürgerschaft, das ist jedoch eher die Ausnahme", gibt die Psychologin bekannt.

Analphabetismus ist ein Tabu-Thema

Der Unterschied zum regulären Unterricht besteht darin, dass in Kleingruppen gearbeitet wird und dadurch auf die jeweiligen Lernbedürfnisse der KursteilnehmerInnen eingegangen werden kann. Neben dem regelmäßigen Üben und dem Einteilen von kleinen Lernschritten stellt das Motivationstraining den größten Teil der Arbeit für die pädagogischen BetreuerInnen des Projektes dar. "Neunzig Prozent macht die Motivationsarbeit aus, da neben der Selbstwertstärkung auch das Üben von sozialer Kompetenz essenziell ist", umschreibt Gerda Gräven die Methodik des Unterrichts. "Analphabetismus ist jedoch nach wie vor ein Tabu-Thema und der psychische Druck ist groß, da die Betroffenen nur wenige Chancen auf einen Arbeitsplatz haben."

Die Vermittlung

Die TeilnehmerInnen des Projektes A-Z werden in den meisten Fällen auch von anderen Projekten des Bundessozialamt betreut, mit dem vordergründigen Ziel sie in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Aber auch während der von A-Z initiierten Sensibilisierungsphase im ersten Halbjahr 2005 konnten an den Schulformen HS/MS, PS und BS eine erhöhte Aufmerksamkeit für eine Lese- und Schreibschwäche und etliche Kooperationen mit den zuständigen PädagogInnen erarbeitet werden.

Der Erfolg

Den ersten Erfolg bei der Arbeit mit AnalphabetInnen sieht Gerda Gräven dann, wenn die KursteilnehmerInnen sich dem Problem überhaupt stellen und daran arbeiten wollen. Freiwilliges Lesen oder lautgetreues Schreiben sind weitere wichtige Teilschritte zur Überwindung von Analphabetismus. "Oft sind die Eltern sehr stolz auf ihre Kinder und berichten uns, wenn sie beginnen das Gelernte im Alltag umzusetzen." (schreck)

  • Die Psychologen Gerda und Michael Gräven leiten das Alphabetisierungsprojekt A-Z
    foto: projekt a-z

    Die Psychologen Gerda und Michael Gräven leiten das Alphabetisierungsprojekt A-Z

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