Konzertkritik: Ein Orden namens Hörsturz

1. März 2006, 17:36
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Earth und Sunn 0))) - zwei kultisch verehrte US-Bands gastierten in der Szene Wien

Zwei kultisch verehrte US-Bands aus dem Lande Ohrensausen belegten die Szene Wien mit bleierner Schwere: Earth und Sunn 0))) aus den USA. Dröhnender Ambient Metal aus dem Magendarmtrakt der Musikgeschichte.


Wien – Gegen Ende des Auftritts von Earth tarnte die Band um den ehemaligen Extremgitarristen Dylan Carlson Personal Jesus von Depeche Mode als Eigenkomposition. Aufgefallen ist es niemandem. Earth dokumentieren mit ihrer Kunst nicht nur soziale Vereinsamung. Sie spielen tempomäßig auch knapp vor dem Stillstand. Dort, wo es in der Musik keine Katharsis mehr gibt. Und ein gellender Schmerzensschrei von der gedrosselten Geschwindigkeit her klingt, als ob eine Tropfsteinhöhle gerade eine schwere Magenverstimmung hätte.

Quälend langsame, zehnminütige Sichtungen von instrumentalem Basismaterial draußen an den alten "Wild frontiers" eines US-Musik-Undergrounds zwischen scheinbar unvereinbaren Polen wie Blues, Country'n'Western, Ambient, dröhnendem Zeitlupen-Metal und einer gravitätischen Ruhe vor dem Sturm, der dann niemals kommt. Sie bestimmen das aktuelle Album Hex: Or Printing In The Infernal Method wie auch das in Viererbesetzung absolvierte Konzert in der Szene Wien.

Nachdem Peter Rehberg alias Pita vom dahingegangenen elektronischen Wiener Kampflabel Mego am Laptop mit einem kurzen, intensiven Set bewiesen hatte, dass man auch ohne rückkoppelnde Gitarren nach Dröhnland reisen kann, um dort einen HNO- Spezialisten zu konsultieren, brachte Carlson mit knapp gerissenen Akkorden und schneidenden Dreiklangzerlegungen also die Architektur alter Spaghettiwestern-Motive zum Erzittern.

Gemeinsam mit einem auch Keyboard spielenden Posaunisten, einem zweiten Gitarristen und seiner Gattin am Schlagzeug kratzte der ehemalige beste Freund von Kurt Cobain, der mit diesem Anfang der 90er-Jahre nicht nur eine heute überwundene Heroinsucht teilte, sondern ihm später leider auch die Waffe für dessen Selbstmord zur Verfügung stellte, an den Grundfesten heutiger populärer Musik. Beklemmungsgefühle im Publikum. Aus dieser Welt kommt keiner lebend raus.

Earth begründeten vor ihrer, nun ja, "Kommerzialisierung" als Botschafter zeitlupenschwerer Funktionsharmonik um 1991/92 eine ganze musikalische Schule mit heute tüchtig viel Nachahmern: Ambient Metal oder Drone Rock. Zähe, meist schlagzeuglose Ohren wie den Magendarmtrakt belastende und unglaublich laute Feedback-Schleifen, die unten bei Satan an die Wohnungstür klopften, während oben Stuka-Angriffe geflogen wurden.

Sunn 0))), die derzeit erfolgreichsten Schüler von Earth, verbreiteten demnach anschließend im wabernden Trockeneisnebel mit der Geschmacksrichtung Friedhof in der Szene Wien bleierne Schwere. Gekleidet als Mönche vom Orden Oropax wurde ausgehend von sinistrem Basswummern und trockengelegten Black-Sabbath-Gitarren in Folge über genau eine Stunde lang sieben Töne so aneinander gelegt, dass man anschließend nie wieder Ö 3 aufdrehen will. Musik, die das Ende von Musik predigt. Heutzutage ist alles möglich. Großer Jubel. Große Beklemmung. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.3.2006)

Von
Christian Schachinger
  • Dylan Carlson von Earth
    foto: standard/fischer

    Dylan Carlson von Earth

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