Digitalisierung bringt Qualitätsradio zurück

13. März 2006, 15:13
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Die Senderzahl wächst, der Werbekuchen weniger, Stationen werden Musikdateien verkaufen und mehr Neues spielen, nicht nur das, was jeder schon hat

"Radio wird wieder eine wichtigere Rolle spielen", sagt Tim Renner, ehemaliger Universal-Deutschland-Chef und mittlerweile Industrie-Dissident, die im kommerziellen Radio heutzutage gebotenen "Musiktapeten, die einen Hintergrund für Werbung bilden", könnten bald Geschichte sein. "Denn die Digitalisierung erwischt das Radio genau so wie die Musikindustrie", sagt der Berliner bei einem Gespräch mit Journalisten am Mittwoch in Wien.

Betriebswirtschaftliche Argumentationskette

Seine Argumentationskette für ein Revival des Qualitätsradios ist betriebswirtschaftlich: Mit der fortschreitenden Digitalisierung der Radiosignale würden mehr Kanäle entstehen. Der Werbekuchen werde aber nicht im gleichen Ausmaß wachsen, also müssten sich die Stationen neue Geschäftsfelder suchen. "Und das wird die Absatzmittlung der Musik sein, die sie gerade spielen", so Renner, "man könnte also sagen: Der wahre Feind der Plattenläden werden die Medien sein." Und wenn Radiostationen laufend Musikdateien (etwa über Musikhandys) verkaufen wollen, dann dürften sie nicht immer nur das spielen, was jeder schon kennt, sondern müssten Neues anpreisen.

Renner selbst betreibt eine Radiostation (Motor FM in Berlin und Stuttgart ist ein Teil seiner Firmengruppe Motor.de, neben Label und Webmagazin), diese wiederum startet dieser Tage mit dem programmbezogenen Verkauf von Musikdateien, allerdings noch über das Internet.

"Demokratisierung des Musikmarktes"

Für den klassischen "Plattenhändler" sieht Renner nicht schwarz ("für den Großhandel schon"): Erstens boome die Nische Vinyl-LP unter den Audiophilen wieder. "In Berlin schießen Vinyl-Läden aus dem Boden, mittlerweile sind es schon 32." Zweitens bringe die "Demokratisierung des Musikmarktes" auch mehr Unübersichtlichkeit, und hier hätten professionelle Auskenner die Chance als Überblicker des Chaos aufzutreten. "Wenn ich Plattenhändler wäre, würde ich selbst in MySpace gehen" – eine boomende Online- Community-Plattform, über die unter anderem die Band Arctic Monkeys weltweit bekannt wurde, ohne einen Industrievertrag zu haben.

CD hat ausgedient

Die CD als Medium habe hingegen ausgedient, da sie ihre funktionalen Vorteile – Größe, Mobilität und "die Branchenlüge" Unzerstörbarkeit" – gegenüber den Downloads verloren habe.

Kopierschutzmaßnahmen

Die Industrie verbeiße sich mit ihrem rigiden Festhalten an Kopierschutzmaßnahmen laut Renner zu sehr "auf den möglichen Missbrauch statt auf eine volle Offensive. Wenn im CD-Laden stets ein Verkäufer mit dem Knüppel hinter mir stehen würde und mich überwacht, würde ich auch nichts kaufen". Legale Downloadmusik müsse einfacher handhabbar werden, außerdem müssten Neuerscheinungen viel schneller auf den Online-Markt kommen.

Denn der Pirat bediene seine Tauschbörsen spätestens dann, wenn die Promotionexemplare eines neuen Albums an die Medien verteilt worden sind. Das wiederum konterkariere wiederum die Branchenstrategie, zunächst durch Airplay Begehren aufzubauen, um dann gleich hoch in die Verkaufscharts einzusteigen, um wiederum Folgekäufe zu generieren. Ex-Industriemanager Renner: "Ein Dilemma." (Leo Szemeliker/DER STANDARD, Printausgabe, 2.3.2006)

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