"The New World": Eroberte Wildnis, gezähmte Natur

2. März 2006, 04:40
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Terrence Malicks "The New World" ist ein so ambitioniertes wie ambivalentes Drama um die Indianerprinzessin Pocahontas

Terrence Malicks "The New World" entwirft anhand des Mythos um die Indianerprinzessin Pocahontas ein so ambitioniertes wie ambivalentes Drama um wechselseitige zivilisatorische Durchdringungen.


Wien – Eine Ankunft ist auch eine Form von Abschied. Im April 1607 erreichen die Schiffe der britischen Virginia Company das Ufer des neuen Kontinents, um dort eine Kolonie zu errichten. Einen Moment lang stehen sich zwei Welten gegenüber. Unter Wasser, im Tauchgang, die Eingeborenen des Powhatan-Stammes, auf den Schiffen nach Gold dürstende Siedler. Die Blicke kreuzen sich. Die einen sehen ein Paradies, das sie zu erobern gedenken. Die anderen blinzeln durch das Gestrüpp auf die Fremden, für die sie noch keinen Begriff parat haben.

Der Beginn von Terrence Malicks filmischer Auseinandersetzung mit dem vor allem in den USA sehr populären Pocahontas-Mythos (zuletzt gab es 1995 einen Disney-Zeichentrickfilm) erinnert noch an dessen letzte Großtat, den Kriegsfilm "The Thin Red Line" von 1998. Eine indifferent dahindämmernde Natur und das destruktive Gegeneinander von US-Soldaten und ihren japanischen Widersachern auf Guadalcanal ergaben darin eine betörende Differenz. Nicht jene zwischen Unschuld und Schuld, sondern die zwischen zwei grundverschiedenen Kämpfen ums Überleben.

"The New World", erst der vierte Film des US-Regisseurs, geht allerdings von einer Wechselwirkung zweier Kulturen aus. Die eine Frage, die darin immer wieder auftaucht, ist jene nach dem Neubeginn. Warum die Errungenschaften einer Zivilisation auf unbekanntes Terrain übertragen, gleich einem Spiegelbild der alten – warum nicht wirklich bei null beginnen, um das Rad der Geschichte in eine andere Richtung zu drehen?

John Smith (Colin Farrell), der aufgrund einer Befehlsverweigerung in Ketten ankommt, und Pocahontas (Q'Orianka Kilcher) werden die Mittler zweier Kulturen, an denen Malick diese Fragestellungen festmacht. Smith gerät in Gefangenschaft, aber Pocahontas rettet ihn vor dem Tod. Die Begegnung entwirft Malick als Initiation, aus der kein Wissen hervorgeht, sondern eine Romanze.

Den Blick des Eroberers auf die schönen Wilden, die "kein Besitzdenken kennen", bricht Malick zwar auf, indem er mit disruptiven Schnitten und, wie schon in seinen anderen Filmen, mit sich überkreuzenden inneren Monologen arbeitet. Insofern ist der von manchen Kritikern geäußerte Vorwurf, er bediene kolonialistische Klischees, nicht ganz gerechtfertigt. Allerdings gerät Malick in seiner Ausmalung von Stammesritualen nahe an den Kitsch. Pocahontas ist eine lernbegierige Eingeborene, die den kulturellen Austausch sucht, sie bleibt in ihrer kindlichen Schönheit aber auch pure Projektion des geneigten Betrachters.

Verstoßene Wilde

Interessant wird "The New World", wo er diese Opposition der beiden Kulturen überwindet und sie in immer weiter reichende Spiegelungen überführt. Als Smith etwa in das koloniale Dorf, das spätere Jamestown, zurückkehrt, sind seine Begleiter ihrerseits verwildert – die dahinstreunenden Knaben könnten auch einem Londoner Slum entstammen. Pocahontas wiederum, von ihrem Stamm verstoßen, wird eingebürgert und auf den Namen Rebecca getauft. Man zieht ihr ein Kleid über und Schuhe an, aber ihre Vitalität bricht immer wieder aus ihr hervor.

Die Entfremdung eines aus seinem Umfeld entrissenen Menschen macht Malick an ihrer Person fest. Beständig schwört sie ihre verstorbene Mutter – die ebenso Mutter Natur sein könnte – an, ihr, der an einem Miteinander der zu diesem Zeitpunkt schon verfeindeten Parteien gelegen war, den richtigen Weg zu weisen. Aber "The New World" verlässt zugleich auch die Ordnung des Mythos nicht. Die Metaphysik einer Liebe, die über alle Hindernisse hinweg anhält, beschwört auch Malick. Und Farrells Smith verschwindet zwar, zieht aber noch in der Ferne leidend die Augenbrauen zusammen.

Die inszenatorischen Anstrengungen, das Ineinandergreifen von Sichtweisen und Denkmustern in einer polyphonen Betrachtung aufgehen zu lassen, in der es keine dominante Stimme gibt, sie gehen erst am Ende wieder auf, wenn der Blick der neuen Welt auf die alte zurückfällt. Pocahontas, die als exotische Prinzessin – neben anderen Attraktionen wie einem Adler – an den Hof geführt wird, wandelt durch ein Reich, in dem es nur eine Schönheit gibt, die ein Verlangen nach Ebenmaß widerspiegelt: die Ordnung einer gezähmten Natur. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.3.2006)

Von
Dominik Kamalzadeh

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thenewworld-derfilm.de

Ab 3.3. im Kino
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    foto: warner
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