Platzeck knöpft sich lahmen Stoiber vor

5. März 2006, 20:02
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Überraschung am ersten politischen Aschermittwoch der großen Koalition: Stoiber gibt sich zahm, Platzeck hingegen nimmt den Bayern unter Beschuss

München/Vilshofen - Weißblaue Fahnen wehen, eine Maß Bier nach der anderen verschwindet in durstigen Kehlen, auch Trachtenpärchen sind aufmarschiert. Auf den ersten Blick ist alles wie immer beim politischen Aschermittwoch der CSU. Doch Edmund Stoiber wirkt beim Einzug in die Passauer Dreiländerhalle nicht gänzlich entspannt.

Vor ihm liegt ein Drahtseilakt: Am ersten Aschermittwoch nach seinem überraschenden Verzicht auf ein Ministeramt in Berlin erwarten 6000 CSU-Anhänger (2000 weniger als im Vorjahr) von ihm eine deftige politische Rede. Aber Stoiber ist der Lieblingsfeind abhanden gekommen. Nach Jahrzehnten sind die "Sozis" nicht mehr Gegner der Union, sondern bilden mit ihr die Regierung in Berlin.

"Sacharbeit statt Machogehabe"

Das tut Stoibers Rede nicht gut. Lang braucht er, bis er sich warm geredet hat. Ordentlichen Applaus gibt es erst, als er erklärt: "Der rot-grüne Klamauk ist zu Ende. Jetzt herrscht solide Sacharbeit statt Machogehabe." In Bayern heiße das Motto schon lange "Sparen, reformieren, investieren", sagt Stoiber und findet es "eine kluge Entscheidung, dass die Bundesregierung das übernommen hat". Die SPD warnt er: "Tragt jetzt bitte nicht wegen eurer negativen Umfragewerte Unruhe in die Regierung hinein." So richtig Stimmung kommt erst auf, als Stoiber auf "Multikulti" schimpft und fordert: "Wer den Ruf des Muezzins in Berlin verlangt, sollte auch in Riad und Teheran das Glockenläuten zulassen." Auch seine Schulpolitik kommt gut an: "Wer randaliert, fliegt raus, wer kein Deutsch kann, kommt gar nicht rein." Zum Schluss gibt es doch noch stehende Ovationen für Stoiber, aber der Applaus ist viel schwächer als früher.

Preußen-Premiere

25 Kilometer weiter westlich, in Vilshofen, feiert "der Preuße" Matthias Platzeck Premiere. Es ist seine erste Aschermittwochrede als SPD-Chef, und er schießt sich - eher mit feinem Spott als lautstark - auf Stoiber ein. "Die CSU ist aus der Berliner Wahrnehmung komplett verschwunden", höhnt Platzeck und wirft Stoiber vor, vor dem Amt des Wirtschaftsministers geflüchtet zu sein, weil ihm die Probleme zu groß waren: "Wer den Mund so voll nimmt, sollte mit künftigen Aussagen vorsichtig sein. Wir brauchen Leute, die anpacken."

Auch Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) bekommt sein Fett ab. Dessen "auffälligste Tat" sei ein Handkuss für die Kanzlerin gewesen, lästert Platzeck. Aber Merkel wisse: "Auerhähne schießt man am besten auf der Balz - und das scheint sie ganz gut hinzukriegen." Bayerns SPD-Chef Ludwig Stiegler fordert: "Habt Erbarmen mit Stoiber. Er ist nicht Pfau in Berlin, sondern Suppenhuhn in München."

Doch auch FDP-Chef Guido Westerwelle schont ihn nicht. Stoiber selbst habe den schwarz-gelben Regierungswechsel in Berlin "versaubeutelt". Es sei auch klar, warum sich Gesundheitsminister Horst Seehofer (CSU) gegen die Anhebung des gesetzlichen Pensionsalters von 65 auf 67 Jahre wehre. "Er hat gemerkt, dass Stoiber im September 65 wird." (DER STANDARD, Printausgabe, 2.3.2006)

von Birgit Baumann
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    Stoiber ereilten am Aschermittwoch "Langweilig"-Rufe

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