Nachdenkliche Songs vom Barhocker

1. März 2006, 10:44
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Zwischen Blues und Folk - Die 23-jährige Sängerin Katie Melua gastierte live in Wien

Wien - Als nach dem Erfolg von Norah Jones klar wurde, dass Geld nicht nur mit Klingeltonkunst, Techno-Remixen von vorgestrigen Hits aus Häusern wie Supertramp und Michael Oldfield oder mit gecasteten Dummys zu verdienen ist, herrschte in den Denkzentralen der Musikindustrie Verwirrung. Über 20 Millionen Platten mit handgemachter, selbst getexteter und gespielter Musik im anrüchig konservativen Einzugsgebiet von Country und Folk überstieg so manche in Marketingseminaren verkümmerte Vorstellungskraft.

Danach begab sich die angeblich arg kränkelnde Industrie auf die Suche nach weiteren Norah-Jones-Figuren. Eine, die bei diesen Bemühungen gefunden wurde, heißt Katie Melua.

Stück um Stück

Zwar verkauft die 23-Jährige nicht in derlei üppigen Dimensionen, aber auch drei Millionen verkaufte Alben in den letzten beiden Jahren bringen ordentlich Butter aufs Brot. Nachdem die sympathische junge Lady im Herbst bereits solo in Wien gastierte, kam sie am Montag im Gasometer mit großer Besetzung wieder, um ihr zweites Album Piece By Piece zu präsentieren.

Etwas weniger "jazzig" als ihr Debüt, verströmt es gefälligen Wohlklang, steht mit einem Bein im Blues, mit dem anderen im Folk. Es gefällt sich in samtenen Balladen und vermeidet größere formale Irritationen. Live führte diese Kantenlosigkeit schon auch dazu, dass man sich nach einer halben Stunde einen jener Sessel unter dem Sitzfleisch ersehnte, auf dem die Hälfte der rund 1600 Besucher tatsächlich saßen. Immerhin ließ sich ja sogar Melua selbst liederweise von einem Barhocker stützen.

Die in Georgien geborene, mit acht Jahren nach Nordirland ausgewanderte und heute in London lebende Sängerin vermochte die gepflegte Langeweile immer wieder mit ihrem Charme zu brechen. Mit kleinen Geschichten und Ansagen zwischen den Songs.

Besser wäre jedoch gewesen, ihre Band, eine im Vergleich zur Jugend ihrer Brötchengeberin als Senioren-Combo einzustufende Begleittruppe, hätte hin und wieder mehr Druck erzeugt und die beiden Alben nicht gar so spießig nachgestellt.

Andererseits vertragen filigrane Songs wie ihr aktueller Hit Nine Million Bicylces oder das ähnlich gelagerte Half Way Up The Hindu Kush auch keine nachdrücklichere Interpretation. Dass Melua in der forscheren Gangart durchaus ihre Qualitäten hat, zeigte sie unter anderem in dem live recht überzeugenden Song Blues In The Night.

Nach derlei "Anstrengungen", bei denen sogar der Schlagzeuger seine Beserl zur Seite legte, lehnte sich der Lockenkopf wieder an ihren Barhocker und zupfte mit geschlossenen Lidern eine weitere Ballade aus ihrer Gitarre. Eine kleine Nachtmusik. (DER STANDARD, Printausgabe 01.03.2006)

Von Karl Fluch
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    Katie Melua, erfolgreiche Singer-Song-Writerin in der Zeitrechnung nach Norah Jones, gastierte am Montag im Wiener Gasometer.
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