Kopf des Tages: Ken Livingstone

5. März 2006, 18:46
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Steinschlaggefahr von einem roten Urfelsen

Er hat sich noch nie gescheut, kräftig anzuecken. Wo gestritten wird, ist Ken Livingstone nicht weit. Als George W. Bush nach London kam, begrüßte er den US-Präsidenten als "größte Gefahr für das Leben auf unserem Planeten". Lange vorher hatte er die Eiserne Lady fast zur Weißglut gebracht, der "Rote Ken", der den Belfaster Republikaner Gerry Adams empfing, als dieser samt der Sinn-Féin-Partei noch als Pate des Terrors galt.

Maggie Thatcher rächte sich 1986, indem sie Livingstones Groß-Londoner Rat kurzerhand auflöste. "Also, nachdem ich vor 14 Jahren so rüde unterbrochen worden bin", waren Kens erste Worte, als er 2000 zurückkehrte - als Bürgermeister, der erste auf dem neu geschaffenen Posten.

Da lag er freilich schon mit dem Nächsten im Clinch, mit Tony Blair. Der Premier hatte ihn als Labour-Kandidaten durchfallen lassen, worauf das Londoner Urgestein auf eigene Rechnung ins Rennen ging - und prompt gewann, was Blair, den geborenen Pragmatiker, später nicht daran hinderte, den verlorenen Sohn zu Labour zurückzuholen. Livingstone wurde gebraucht, ein Zugpferd, wie es nur wenige gibt.

Zu dieser Zeit hatte "Red Ken" längst bewiesen, dass ein Finanzplatz wie London nicht vor die Hunde geht, wenn ein Altlinker den Ton im Rathaus angibt. Sein mutigstes Projekt, die Citymaut fürs Autofahren in der Innenstadt, ist nach anfänglichen Protesten weit gehend akzeptiert, denn mit dem Dauerstau zwischen Hyde Park und Tower konnte es so wirklich nicht weitergehen. Und wie der 60-Jährige nach den Terrorbomben des 7. Juli Haltung bewahrte, demonstrativ U-Bahn fahrend, das nötigte auch Kritikern Respekt ab. Nicht den Großen und Mächtigen habe der Anschlag gegolten, rief er, sondern "gewöhnlichen, arbeitenden Londonern, Muslimen und Christen, Hindus und Juden, Jungen und Alten".

Freunde machte sich Livingstone freilich nicht immer, wenn er den Dialog der Kulturen beschwor. Einen muslimischen Fernsehprediger, den Ägypter Jussuf al-Karadawi, lud er zu einer Konferenz übers Kopftuchverbot an die Themse, obwohl ihm heftiger Widerstand entgegenbrandete. Der Geistliche hatte palästinensische Selbstmordattentäter verteidigt, doch Livingstone argumentierte, ein al-Karadawi sei eine zu wichtige Stimme, als dass man ihn aussperren könnte.

Wenn der Bürgermeister nur nicht so jähzornig wäre, seufzen manche seiner Anhänger. Wenn er sein lockeres Großstadtmaul doch nur besser im Griff hätte! Diesbezüglich scheinen die Aussichten auf Besserung ziemlich gering. "Ken ist Ken", schreibt Jackie Ashley im Guardian und zählt auf, was der Stadtvater auch künftig nicht bieten wird: Diskretion, Understatement und eine diplomatische Sprache. (DER STANDARD, Printausgabe, 1.3.2006)

von Frank Herrmann
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