Eine Frage der Ehre und nicht der Liebe

1. März 2006, 12:09
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Es geht nicht um Liebe, wenn junge, sehr junge Frauen zur Heirat gezwungen werden

Die Opfer schweigen, um nicht noch mehr Gewalt ertragen zu müssen. Doch es gibt erste Versuche, die Mauer des Schweigens um Zwangsehen aufzubrechen.

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Wien - "Die Ehe darf nur auf Grund der freien und vollen Willenseignung der zukünftigen Ehegatten geschlossen werden." So steht es im Artikel 16 Absatz 2 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Es mag unvorstellbar sein, dass es im 21. Jahrhundert noch Menschen gibt, für die dieser Satz nicht gültig ist, doch auch in Österreich ist er für etliche Mädchen nicht das Papier wert, auf dem er geschrieben ist.

Wie viele junge Frauen in Österreich jedoch gezwungen sind, gegen ihren Willen zu heiraten, ist unbekannt. Wiens Frauenstadträtin Sonja Wehsely (SP) kündigte im STANDARD-Gespräch an, eine Studie erstellen zu lassen: "Wir müssen wissen, welche Dimension das hat."

Wer ist betroffen? Die Gesellschaften, in denen Mädchen gezwungen werden, einen Mann zu heiraten, betrachten die Frau als Eigentum. Die Jungfräulichkeit ist sehr wichtig und wird als "Ehre" gesehen, die es zu beschützen gilt. Damit das Mädchen nicht "Schande" über die Familie bringt, wird es so früh wie möglich verheiratet. Dadurch soll verhindert werden, dass das Mädchen Sexualität vor der Ehe erfährt.

Meist Minderjährige

Die Mädchen kommen meist aus Familien mit türkischem, albanischem, indischem, pakistanischem oder arabischem Background. Viele von ihnen sind Österreicherinnen und meist noch minderjährig. Die Hochzeit findet deshalb auch in der "alten Heimat" statt - auch wenn dies etwa in der Türkei inzwischen gesetzlich untersagt ist.

Auch in Österreich wurde vergangene Woche im Ministerrat ein Strafrechtsänderungsgesetz eingebracht, mit dem Zwangsheiraten zum Offizialdelikt werden. Bisher musste die zur Ehe genötigte Frau selbst Anzeige erstatten, künftig kann jeder eine bevorstehende oder vollzogene Zwangsheirat anzeigen.

Eine junge Österreicherin hat die Zwangsverheiratung zum Thema ihres ersten Theaterstückes gemacht. Jasmin Augustin ist 19 Jahre alt, und gehört nicht zur gefährdeten Frauengruppe. Das Theaterstück wird von Schülern und Schülerinnen gespielt. Augustin, die auch auf der Bühne zu sehen ist, führte Regie.

"proFRAU"

Mit der Unterstützung von "proFRAU", einer Plattform für Frauenrechte gegen Diskriminierung und "Orientexpress"-Beratungsstelle für Migrantinnen, realisierte sie ihr Vorhaben. Das Stück "Ich heirate, wen ich will", hatte am 20. Dezember 2005 im Wiener Amerlinghaus Premiere. "Ich habe mich immer für dieses Thema interessiert", sagt die junge Frau, "und ich wollte aktiv dagegen etwas machen."

Nach einigen Recherchen im Internet kam sie zur "proFRAU". Der Verein nutzt moderne Medien wie das Internet und Film, um jede Form von Diskriminierung in der Öffentlichkeit bekannt zu machen. "Wir sind dann zum Orientexpress gegangen, da dies die einzige Beratungsstelle momentan ist. Ich wollte nicht mehr ,nur' lesen darüber, ich wollte etwas bewirken" ergänzt Jasmin.

"Mit dem Reinerlös des Abends wird eine Aufklärungsbroschüre finanziert und man kann uns auch gerne engagieren. Wir gehen in Schulen oder auch in anderen Institutionen", schildert die engagierte junge Frau. "Wir wollen Mädchen und Frauen motivieren, für ihr Recht auf ein freies Leben zu kämpfen."

Orientexpress

Der Verein Orientexpress informiert und hilft unter anderem von der Zwangsheirat betroffenen Menschen. Meltem Weiland: "Im Jahr 2004 hatten wir etwa 184 Anfragen und 28 Fälle, zwei davon junge Männer, für die es überhaupt keine Anlaufstelle gibt. Auch Jugendeinrichtungen sollten in dem Bereich Beratung für Burschen anbieten." Der Verein bietet auch Krisenintervention und hilft in Rechtsfragen - etwa dem Organisieren von Anwälten bei Scheidung oder Eheannullierung. Astrid Stireßnig vom Orientexpress: "Betroffene leben mit und unter uns. Viele Mädchen können in der Öffentlichkeit aus Angst darüber nicht reden. Wenn sie es doch tun, nehmen Sie sie ernst, wenn Sie so etwas hören." (DER STANDARD, Printausgabe 01.03.2006)

Von Seher Çakir
Sie wurde in Istanbul (Türkei) geboren und lebt heute als Autorin und freie Journalistin in Wien.

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