Experten zerpflücken Tunnelprojekte

27. März 2006, 15:51
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Der Rechnungshof und Verkehrsexperte Knoflacher lassen an Semmering- und Koralmtunnel kein gutes Haar. Beide sprechen von Prestige, das der Geldvernichtung dient

Wien/Graz - 93,25 Millionen Euro hat der seit Jahren blockierte Semmering-Basistunnel die ÖBB und damit den Steuerzahler bis 2004 gekostet. Diese Kosten sind laut Rechnungshof (RH) "zum Großteil als verlorener Aufwand einzustufen", weil die bereits getätigten Bauarbeiten für die 2005 beschlossene neue Variante des Semmeringtunnels Gloggnitz-Langenwang praktisch nicht verwendbar sind.

Das aufgrund zahlreicher negativer Naturschutzbescheide des Landes Niederösterreich blockierte Megaprojekt wird mutmaßlich weitere Millionen verschlingen, denn der nicht gebrauchte Sondierstollen muss möglicherweise sogar wieder rückgebaut werden.

"Stranded costs"

Damit nicht genug: Die neue Tunnelführung zieht weitere "stranded costs" nach sich, weil das neue Loch erst 2020 fertig sein wird. Also muss, um den Bahnbetrieb aufrecht erhalten zu können, die bestehende Ghega-Strecke saniert werden. Dafür hat die ÖBB 205 Mio. Euro budgetiert - falls der Tunnel 2020 nicht fertig ist, sind weitere 83 Mio. fällig.

Darin enthalten: Erneuerungen in Signal-und Systemtechnik im Bahnhof Mürzzuschlag, die 2020 in dieser Dimension niemand brauchen wird, weil der neue Tunnel in einer vor 20 Jahren verworfenen Variante gebaut und unter Mürzzuschlag vorbeiführt. Vereinfacht ausgedrückt empfiehlt der RH nun, die Sanierung der Semmering-Bestandstrecke so weit wie möglich abzuschlanken. Die ÖBB glaubt, 25 Mio. Euro einsparen zu können, der RH meint, es könnten sogar 44 Mio. Euro. Das behindert allerdings den Güterverkehr, weil hohe Tonnagen ein Problem sind.

Koralmbahn "ein Wahnsinn"

Zerpflückt, allerdings nicht vom RH, sondern Verkehrsexperten, wird auch ein zweites Großprojekt: die 4,2 Milliarden Euro teure Koralmbahn. "Ein Wahnsinn", schlägt TU-Professor Hermann Knoflacher Alarm. "Das Ganze ist nicht auf Sand, nicht auf Luft, sondern auf Vakuum gebaut. Dieses Projekt ist absolut realitätsfern, dagegen war Zwentendorf ein extrem wirtschaftliches, rationales und verantwortungsvolles Projekt. Der Koralmtunnel ist ein rein politisch begründetes Bauprojekt, das sich durch seriöse sachliche Unterlagen nicht belegen lässt", schimpft Knoflacher.

Er komme soeben aus Mexiko, wo er für die London School of Economics mit Kollegen von MIT und Sorbonne Verkehrsprojekte analysiere. "Wenn ich mir die Standards dort anschaue, muss ich sagen, mittlerweile fahren uns die Entwicklungsländer verkehrspolitisch um die Ohren. Bei uns wird gearbeitet wie im 19 Jahrhundert. Der Verkehrsminister agiert jenseits von Gut und Böse, die Baulobby macht mit ihm, was sie will. Die verkehrspolitische Hilflosigkeit wird mit Monsterprojekten und irren Geldausgaben zugedeckt. Politiker sind für Sachargumente momentan nicht mehr zugänglich, ich habe eigentlich auf Regierungsebene keinen Ansprechpartner mehr", sagt Knoflacher.

Neigezüge, Korridor V

Dabei liege die Alternative zu den Prestigeprojekten auf der Hand: Mit Neigezügen wie in Slowenien oder der Schweiz fahren und die alte Semmeringbahn adaptieren. Zum anderen solle rasch ein Anschluss an den Korridor V, der an Österreich im Süden vorbeizieht, geschaffen werden. Drittens könnte die "Südbahn" von Graz über Maribor nach Klagenfurt reaktiviert werden. (Luise Ungerboeck, Walter Müller, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1.3.2006)

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    Kurz nach dem Spatenstich für den Bau des Koralm-Tunnels am 9. März 2001: Mathias Reichhold (damals Kärntner LHStv.), LH Jörg Haider, Mares Rossmann (Tourismus-Staatssekretärin), Monika Forstinger (Infrastrukturministerin) und Walter Brunner, Generaldirektor der HL-AG (v.l.) posieren an der Eisenbahnkreuzung Wächterstraße im Osten von Klagenfurt.

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