Uruguay führt restriktives Rauchverbot ein

1. März 2006, 19:13
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Erstes Land in Lateinamerika mit derart strengem Gesetz – Reaktionen unterschiedlich

Uruguays Präsident Tabaré Vázquez ist Krebsarzt – und ehemaliger Raucher. Mit dem Eifer des Spätbekehrten setzte sich der Staatschef daher ganz besonders für das Gesetz ein, das aus Uruguay ab heute, Mittwoch, das erste Land Lateinamerikas mit umfassendem Rauchverbot macht. „Nur so können wir Nichtraucher schützen“, argumentiert Vázquez. Er stellt Nikotin auf eine Stufe mit Drogen wie Kokain und Heroin.

Rauchverbot in geschlossenen öffentlichen Räumen

In Restaurants und Einkaufszentren weisen seit Wochen Plakate darauf hin, dass ab 1. März Rauchen am Arbeitsplatz und in geschlossenen öffentlichen Räumen verboten ist. Fortan darf nur noch auf der Straße oder privat zu Hause geraucht werden. Kurz, nachdem Vázquez vor einem Jahr sein Amt angetreten hatte, wurde die Tabakwerbung stark beschränkt.

Künftig müssen die Schachteln außerdem mit abschreckenden Illustrationen und einer Warnung vor Schäden versehen werden. Am relativ günstigen Preis von umgerechnet 1,25 Euro pro Schachtel ändert sich vorerst nichts. Die Uruguayer reagieren unterschiedlich. Der Politikanalytiker Gerardo Sotelo spricht von einem „moralisierenden Kreuzzug, den einige Fanatiker im Namen des Gemeinwohls“ führten. Als „hervorragende Maßnahme zum Schutz der Passivraucher“, lobte dagegen die Ärztin Marisol Acun˜a das Verbot.

„Hexenjagd“

Und die Medien überbieten einander mit Ratschlägen für „verfolgte Raucher“ – zum Beispiel den Kauf eines tragbaren Aschenbechers oder den Ersatz der Zigarette durch Nikotinkaugummis. „Das ist eine Beschränkung meiner Bürgerrechte und wird in eine wahre Hexenjagd ausarten“, kritisiert der überzeugte Raucher Jorge Barreiro. In seinem Büro im siebenten Stock eines Hochhauses gingen die Raucher schon immer auf den Flur, um ihrer Sucht zu huldigen – und zwar ausgiebig, wie die völlig vergilbte Farbe an der Decke zeigt. Nun verhandeln Barreiro und seine Kollegen gerade mit ihrem Chef, ob sie wohl täglich mehrere Zigarettenpausen genehmigt bekommen. Dafür müssten sie dann entweder hinauf auf die Dachterrasse oder hinunter auf die Straße gehen.

Ähnlich wie Barreiro geht es einem Drittel des Dreimillionenvolks in Uruguay. Für dieses hat die Regierung eine Aufklärungskampagne begonnen – mit dem viel sagenden Titel „Eine Million Danksagungen“, und zwar dafür, mit dem Rauchen aufzuhören, lautet die versteckte Botschaft. Der Staat subventioniert zu diesem Zweck kostenlose Entzugskurse. Den Startschuss zur Kampagne gab Vázquez dieser Tage persönlich im Präsidialamt von Montevideo – bis dato nicht gerade ein Tempel der Abstinenz.

Offiziellen Auskünften zufolge sterben jedes Jahr bis zu 5500 Frauen und Männer in Uruguay an den Folgen des Tabakkonsums, wodurch dem Gesundheitssystem Kosten von umgerechnet bis zu 152 Millionen Euro pro Jahr entstehen. (DER STANDARD Printausgabe, 01.03.2006)

Sandra Weiss aus Montevideo
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