"Grbavica": Klassenfahrt in Sarajewo

2. März 2006, 04:29
posten

Die bosnisch-österreichische Koproduktion gewann bei der Berlinale den "Goldenen Bären"

Wien - Berührungen, Bewegungen, Objekte oder Geräusche - ganz alltägliche Situationen oder Begegnungen reißen Esma (Mirjana Karanovic) plötzlich aus dem gleichförmigen Fluss ihrer Gegenwart, bringen die wortkarge Heldin von Grbavica, die auf den ersten Blick geerdet und recht lebenstüchtig wirkt, ganz unvermittelt aus der Fassung. Manchmal nimmt Esma an therapeutischen Sitzungen teil, Frauen unterschiedlichen Alters, unterschiedlichster Herkunft treffen dort aufeinander. Das, was sie verbindet, bleibt unausgesprochen. Nur gemeinsames Schweigen oder Singen stiften scheinbar ein Gefühl von Zusammenhalt.

Esma lebt mit ihrer halbwüchsigen, rebellischen Tochter Sara (Luna Mijovic) in Sarajewo. Die verstreuten Anzeichen lassen das Publikum schon von Beginn an ziemlich deutlich ahnen, was zwischen Mutter und Tochter allmählich zu Spannungen führt. Spätestens dann, als Sara auf Klassenfahrt gehen soll und für den Erlass der Kosten ein Dokument nötig ist, das ihren verstorbenen Vater als Kriegshelden ausweist, beginnt der schwelende Konflikt zu eskalieren. Und am Ende führt kein Weg an der traurigen Wahrheit vorbei.

Grbavica von Jasmila Zbanic gewann vor zehn Tagen erst den Goldenen Bären bei der diesjährigen Berlinale. Grbavica ist auch der Name eines Stadtteils von Sarajewo - im Krieg von Serben besetzt, wurden dort vorwiegend muslimische Frauen wochen- und monatelang in Massenquartieren oder Wohnungen festgesetzt und systematisch vergewaltigt.

Zbanic nutzte die Preisverleihung, um daran zu erinnern, dass Radovan Karadzic und Ratko Mladic nach wie vor auf freiem Fuße seien, obwohl sie nicht nur diese Vergewaltigungen verantworteten. Von ihrem Film erhoffe sie sich, dass er Bewusstsein wecke für die Gegenwärtigkeit dieser Erfahrung, die immerhin rund 20.000 Frauen machen mussten.

Allerdings, sagt die 31-jährige bosnische Regisseurin, die während des Krieges selbst im belagerten Sarajewo lebte und aufwuchs, habe sie darüber keinen Dokumentarfilm drehen wollen, der betroffene Frauen zur Erinnerung an ihre traumatischen Erfahrungen genötigt hätte. Denn mit verwandten politischen Themen hat sich Zbanic schon vor ihrem Spielfilmdebüt künstlerisch und filmisch auseinander gesetzt.

Zuletzt steuerte sie etwa die Episode Birthday zum Omnibus-Film Lost and Found bei: Eine dokumentarische Miniatur, die zwei zehnjährige Schulmädchen in Mostar porträtiert, deren ganz ähnlich gelagerter Alltag in räumlich und sozial getrennten Sphären verläuft. Davor drehte sie unter anderem Slike sa ugla (Bilder aus dem Winkel, 2003), eine filmischen Suche nach ihrer ehemaligen serbischen Nachbarin, oder - ihre bisher wahrscheinlich bekannteste Arbeit - Crvene gumene cizme (Rote Gummistiefel, 2000), in dem eine Mutter in Massengräbern nach Hinweisen auf ihre kleine Tochter sucht.

1997 war die Regisseurin außerdem eine der Protagonistinnen von Barbara Alberts Dokumentarfilm Somewhere else. Grbavica wurde nun von Albert beziehungsweise von der coop99 mit Partnern aus Bosnien, Deutschland und Kroatien produziert. Am Donnerstag eröffnet Grbavica die Filmreihe Frauenwelten, die bis zum 9. März im Wiener Filmcasino stattfindet. Ab Freitag ist der Berlinale-Sieger regulär in den heimischen Kinos zu sehen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1. 3. 2006)

Von Isabella Reicher

Link

Filmcasino

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Hinter den Bewegungen der Gegenwart lauern die Bilder des Vergangenen: "Grbavica" von Jasmila Zbanic gewann vor zehn Tagen erst den Goldenen Bären bei der Berlinale.

Share if you care.