"Anspannung bleibt bis 2014"

29. März 2006, 14:58
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Da der Zustrom von Arbeitssuchenden anhält, muss Österreich in Zukunft deutlich schneller wachsen als andere EU-Staaten, sagt Wifo-Chef Karl Aiginger

Wien – Noch fast ein Jahrzehnt lang wird der österreichische Arbeitsmarkt durch den Zustrom neuer Stellensuchender angespannt bleiben. Jedes Jahr kämen 40.000 bis 50.000 Personen hinzu – aus Deutschland und Italien, aus den neuen EU-Staaten, aber auch Frauen und ältere Arbeitnehmer, die nicht mehr in Frühpension gehen können, sagte der Chef des Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo), Karl Aiginger, "Bis 2014, also in dem Zeitraum, für den es sinnvoll ist, heute eine Strategie zu entwerfen, steigt das Arbeitskräfteangebot", sagte Aiginger am Dienstag im Klub der Wirtschaftspublizisten.

Um diesen Strom aufzufangen und die Arbeitslosigkeit zumindest stabil zu halten, brauche Österreich ein stärkeres Wirtschaftswachstum als andere EU-Staaten. Zwar sei die Wirtschaft bereits in den letzten Jahren etwas über dem Durchschnitt der Eurozone gestiegen und soll laut Wifo-Prognose heuer um 2,4 Prozent wachsen, doch sei mittelfristig ein weiterer halber Prozentpunkt im Jahr nötig.

Vorbild Skandinavien

Vorbild für eine erfolgreiche Wachstumspolitik sollten vor allem die skandinavischen Länder sowie die wirtschaftlich "liberalen" Staaten wie Großbritannien und Irland sein. Ihnen allen wäre es gelungen, einen flexibleren Arbeitsmarkt mit hohen Investitionen in die Technologie und einer disziplinierten Budgetpolitik zu kombinieren.

In Österreich müsste das Budget so umgeschichtet werden, dass weniger Geld in die Verwaltung oder die Pensionen von Landesbeamten fließe – und mehr in Zukunftsinvestitionen wie Forschung und Bildung, bzw. in Infrastrukturprojekte, vor allem in die Verkehrswege in Richtung Osten. Wichtiger als ein Nulldefizit in einem bestimmten Jahr ist Aiginger die "Qualität der Staatsfinanzen". Weiters fordert er eine langfristig konsistente Wirtschaftspolitik.

Experiment Kombilohn

In der nächsten Steuerreform sollte die Schere zwischen Brutto- und Nettolöhnen im Niedriglohnsektor verringert werden, um damit neue Jobs für wenig qualifizierte Arbeitnehmer zu schaffen. Aiginger tritt auch für eine Ausweitung des Kombilohns ein, wobei er einräumte, dass derzeit kein Modell wirklich funktioniere. Doch gerade deshalb müsse man in verschiedenen Branchen und Regionen experimentieren. Wichtig sei, dass die Modelle von Arbeitgebern, Arbeitnehmern und der Regierung unterstützt würden.

Konkret schlägt der Wifo-Chef bei den Sozialabgaben eine begünstigte Zwischenstufe von zehn Prozent vor – zwischen den geringfügig Beschäftigten, die gar nichts bezahlen, und jenen Arbeitnehmern, die die vollen 22 Prozent abführen müssen. (ef, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1.3.2006)

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    Wifo-Chef Karl Aiginger spricht sich für vermehrte Experimente mit Kombilohn-Modellen aus.

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