"Brauchen Häuptlinge und Indianer"

1. März 2006, 22:49
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Josef Hickersberger startet seine zweite Amtszeit als Teamchef, beurteilt wird er viel­leicht erst nach der EM 2008

Wien – Vor einem Fußballspiel gegen Kanada kann der österreichische Teamchef nicht einmal eine Statistik anbieten. Das bringt Josef Hickersberger zwar kaum zur Verzweiflung, aber da es im direkten Vergleich 0:0 steht, "muss man den Spielern und Leuten den Gegner erklären". Als Land ist Kanada ja berühmt und leicht zu beschreiben (Nordamerika, riesengroß, viel Landschaft, Holzfäller, Eishockey), ob dort auch passabel gekickt wird, darüber hat sich Hickersberger schlau gemacht. "Die haben einen geordneten Spielaufbau. Auch wenn es mir keiner glaubt, sie verdienen wirklich Respekt." Er verwies auf das knappe 1:2 gegen Spanien und das 0:0 gegen die USA.

Am Mittwoch, 20:30 Uhr, beginnt im nicht ausverkauften Happel-Stadion (35.000 Restkarten erhältlich) die Ära "Hickersberger II". 1988, als er zum ersten Mal Teamchef sein durfte, "war ich total umstritten, ein Niemand. Jetzt kennt man mich halt doch, ich war zum Beispiel Meister mit Rapid." Die Ausgangsposition sei 2006 eine andere, angenehmere. "Das Ergebnis soll bei der Heim-EM 2008 vorliegen. Resultate bis dahin sind zwar wichtig, aber ich kann mehr probieren und mir mehr erlauben. Mit den Experimenten muss es im Sommer 2007 vorbei sein, spätestens zu diesem Zeitpunkt muss es einen Stamm und eine Spielanlage geben." Ihm, Hickersberger, wäre Färöer beim Comeback genehmer als Kanada gewesen. "Da wäre ich überzeugt, dass wir gewinnen. Bei Kanada bin ich mir nicht so sicher. Aber ich bin Optimist, obwohl man es mir nicht ansieht."

Das Bemühen

Von Österreichs Elite erwarte er Folgendes: "Guten Fußball. Jeder soll sich ums Spiel bemühen, Einsatz und Eigenmotivation zeigen. Es müssen sich Führungsspieler entwickeln – wobei man nicht nur die Häuptlinge, sondern auch die Indianer benötigt."

Als mögliche Häuptlinge drängen sich Emanuel Pogatetz und Paul Scharner auf, die beiden haben in Englands Premier League Fuß gefasst, sie gehören dem Stamm von Middlesbrough bzw. Wigan an. Scharner ("Ich muss über meine Grenzen hinaus.") will "das ungeheure Tempo" seinen Kollegen vom Nationalteam vermitteln. "Ich will sie anstecken. Wir sehen in Österreich alles negativ. Wir brauchen neue Visionen. Man soll nicht fragen, wie man sich für ein Ereignis qualifiziert. Man soll überlegen, was man dort erreichen kann."

Kanada ist also der Neubeginn. Der Teamchef heißt übrigens Frank Yallop, dem Aufgebot gehört auch Ex-Rapidler Ante Jazic an. Beide gehen davon aus, "nicht zu verlieren. Wir wollen im Prater die positive Entwicklung fortsetzen." Dass die Nordamerikaner schon weiter als Österreich sind, verneint Hickersberger. "Ich bin Optimist." (Christian Hackl - DER STANDARD PRINTAUSGABE 1.3. 2006)

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