WAM-Flooding

2. März 2006, 19:26
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Gegen Mozartterror hilft nur eines: Die totale Übermozartung – bis alle mozartsensiblen Sinnesorgane total überreizt oder abgestorben sind

Es war am Wochenende. K., unser Gast, hat es mit Absicht getan. Weil er ja auch nicht mit geschlossenen Augen & Ohren durchs Leben wandert. Und ja auch – glaube ich zumindest – bei einer früheren Gelegenheit selbst gejammert hat, dass er mittlerweile knapp daran sei, wegen akuter Mozart-Überfütterung den Ticketverkäufern in der Innenstadt ins Gesicht zu schlagen. Obwohl die ja wirklich nix – beziehungsweise am allerwenigsten - dafür können.

Egal. K. hat aber beschlossen, sich gegen den Mozartoverkill auf die einzige ihm möglich scheinende Alternative zu wappnen: Durch „Flooding“. Also durch die gezielte, absolute, kompromisslose Überflutung mit dem Reiz, gegen den er allergisch ist. Früher, erklärte er uns, hätte man das nicht in pseudogescheitem Neusprech benamst, sondern einfach gesagt: „Was uns nicht umbringt, macht uns härter“. Obwohl keiner seiner Lehrer oder Bundesheerausbildner dabei wohl an WAM gedacht hätte (ja, K. gehört zu jenen Leuten, die „WAM“ sagen – nicht zuletzt, so K., um die Buchstabennamenshoheit des Finanzministers zu brechen. Aber das ist ein anderes Thema.)

Servietten

Am Wochenende jedenfalls war K. bei uns. Und weil wir nicht zumehrt, sondern zuvielt waren, warf jeder Ankömmling Material auf den Esstisch. K. wartete bis zum Schluss, legte dann seine Spezzereien auf die Tafel und meinte – nach einer dramatischen Pause ­, dass er da noch was habe. Dann zog er die Servietten aus dem Sack. Mozart-Servietten.

Das Heulen, Jaulen und Wimmern der Tischgesellschaft ließ K. über sich ergehen als wäre es Applaus. Aber daran, der Aufforderung, die Papierservietten bitte wieder wegzupacken (die oft, aber eher nicht höflich geäußert wurde), dächte er nicht, erklärte er: Zur Abhärtung gegen das Leben „da draußen und daheim“ (K. stammt aus Salzburg und wohnt in Wien nahe der Domgasse), könne er auf den Anblick des leibhaftigen WAM auch beim Essen nicht verzichten.

Büstendrohung

Wenn wir die Mundwischtücher ablehnten, würde er eben eine kleine Mozartbüste aus seiner Tasche holen. Und auf den Tisch stellen – in Restaurants und Kaffees mache er das auch so. Und da hätte das noch keinen gestört. Im Gegenteil: Er sei so schon mit zahlreichen Touristen ins Gespräch gekommen und auf etlichen Fotos verewigt worden - und einmal habe das Komponistenköpfchen sogar zu einem amourösen Intermezzo mit einer spanischen Touristin geführt. (Wir kennen K: Vermutlich durfte der ansonsten grundehrliche Knabe der Dame seine Mailadresse auf ihren Wienplan schreiben – und in zwei Wochen wird sich das in seinen Erzählungen zu einer Orgie mit einer Busladung enthemmter Mozart-Groupies gesteigert haben.)

In jedem Fall bedauerte K., angesichts unserer Reaktionen auf die Servietten, nicht auch noch die Taschentücher mitgebracht zu haben: Er schnäuze sich seit zwei Wochen in WAM. Und habe ein geradezu bubenhaftes Vergnügen, den Jubilar an- und einzurotzen. Ja, gab K., zu, er freue sich deshalb geradezu (und zum ersten Mal in seinem Verkühlungsleben) auf den Kraft der Witterung nächstens anstehenden großen Schnupfen und die damit einhergehende Influenzawelle: Das würde seine Rache werden.

An dieser Stelle lächelte K. zufrieden und lehnte sich zurück. Weil er im Grunde ein harmloser Mensch ist. Darum beteiligte er sich auch nicht an der von ihm losgetretenen Debatte über anders mögliche WAM-gebrandete Hygieneprodukte und ihre Einsatzmöglichkeiten. Wir seien degoutant, unterbrach uns irgenwann. Schließlich wollten wir doch essen. Dann bedauerte er, die Königsidee zum WAM-Jahr nicht schon im Vorjahr gehabt zu haben: WAM-Klopapier. Der Name wäre ja wohl naheliegend. Aber dafür, seufzte K. dann halb betrübt und halb erleichtert, wäre es nun wohl schon zu spät.

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    foto: thomas rottenberg
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"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

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