Warum immer wieder Österreich?

1. März 2006, 09:11
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Sportsoziologe Minas Dimitriou über das Verhältnis von Sport und Politik und die Grenze zwischen Patriotismus und Nationalismus

derStandard.at: Hat die österreichische Regierung den Sport für politische Zwecke missbraucht?

Dimitriou: Man kann hier keine pauschale Antwort geben. Ja, unter der Prämisse, dass diverse Öffentlichkeitsmaßnahmen nur zwecks Profilierung der Regierung eingesetzt wurden. Nein, wenn man die Tatsache in Betracht zieht, dass nach der Turiner Drogen-Affäre Aktionen zur Verbesserung des Images des Landes eingeleitet werden sollten.

derStandard.at: Müssen Inserate wie "Immer wieder, immer wieder Österreich" sein?

Dimitriou: Anscheinend ja, weil die politisch Mächtigen den Sport in ihr Spielchen einbeziehen. Aber auch ohne Inserate bietet der Sport eine politische Bühne, auf der dramatisch agiert wird.

derStandard.at: Warum werden Sportler und sportliche Ereignisse derart eingesetzt?

Dimitriou: Der Sport besitzt mit seiner Überschaubarkeit eine unglaubliche Identifikationskraft. Einerseits werden die siegreichen Sportler als symbolisierte Hoffnungsträger des Publikums gefeiert. Andererseits bieten die sportlichen Ereignisse im Zuge einer medialen Serialität günstige Rahmenbedingungen für die Einsetzung von Symbolen und für die Entstehung von dramatischen wettkampfspezifischen Situationen.

derStandard.at: Ist das neu?

Dimitriou: Nein, gerade im Laufe der historischen Entwicklung der Olympischen Spiele der Moderne existieren zahlreiche Beispiele, die die politische Instrumentalisierung des Sports illustrieren (Siehe z.B. die "Propaganda"-Spiele in Berlin 1936, der Terror-Anschlag während der Olympischen Spiele in München 1972 oder die Boykott-Spiele von 1980 in Moskau und 1984 in Los Angeles.)

derStandard.at: Bringt das der Politik auch den gewünschten Effekt?

Dimitriou: Kurzfristig ja, langfristig eher bedingt. Deshalb ist der Sport mit seiner Serialität und seinem Wiedererkennungswert für die Politik interessant. Der Sport gibt Anlässe und stellt immer eine Uraufführung dar.

derStandard.at: Ist Sport ein "unschuldiges Phänomen", das instrumentalisiert wird, oder sind dem Sport nicht bestimmte Eigenschaften - wie beispielsweise Nationalismus - inhärent?

Dimitriou: Der Sport ist keineswegs etwas Unschuldiges und Reines. Durch seine strukturellen vielfältigen Formationen produziert der Sport "Gemeinschaften" aber auch "Differenzen", die, unter Umständen, zum Aufbau und zur Verbreitung von Nationalismen führen können.

derStandard.at: Dient Sport auch als "säkularer Religionsersatz"?

Dimitriou: Ja, unter bestimmten Umständen. In Ländern mit labiler politischer und wirtschaftlicher Lage hat der Sport einen anderen sozialen Stellenwert und ist für größere Bevölkerungsteile eine Art Religionsersatz. Aber auch in den westlichen Industrieländern hat der Sport eine ähnliche Funktion, besonders in Regionen, in denen krisenhafte soziale Bedingungen herrschen.

derStandard.at: Ist es per se böse, weil nationalistisch, wenn man stolz auf österreichische Siege ist?

Dimitriou: Wenn Nationalismus meint stolz zu sein, jemanden anderen (das Fremde) besiegt zu haben, dann ist es böse, weil ausgrenzend und abwertend. Stolz sein auf erbrachten Leistungen von österreichischen Mitmenschen, halte ich hingegen für richtig.

derStandard.at: Wie weit ist der Weg vom Patriotismus zum Nationalismus?

Dimitriou: Der entscheidende Faktor für diesen Übergang ist der Fanatismus. Dann nimmt die Heimatliebe aggressive Konturen an und verwandelt sich von einer imaginierten Gemeinschaft zu einem Wir-gegen-Andere-Konstrukt.

derStandard.at: Für wen haben Sie selbst bei den olympischen Spielen die Daumen gedrückt?

Dimitriou: Diverse Kriterien entscheiden bei der Präferenz mit: Herkunft, Wohnort, Bekanntheit und Erfolgsaussichten der Sportler bzw. emotionelle Bindung mit den Protagonisten etc.. Obwohl ich gebürtiger Grieche bin, habe ich für einige Sportler und Sportlerinnen aus Salzburg die Daumen gedrückt.

Die Fragen stellte Rainer Schüller

Nachlese

Bisherige Einserfragen

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  • Minas Dimitriou ist Universitäts-Assistent des Fachbereiches Sport- und Bewegungs- wissenschaft der Universität Salzburg. Er ist Koordinator von "Sport-Management- Medien" und ist Geschäftsführer des Universitätslehrganges "Sportjournalismus". Der gebürtige Grieche forscht u.a. zum Thema "Sport und Politik am Beispiel der modernen Olympischen Spiele". Siehe Publikationen.
    foto: privat

    Minas Dimitriou ist Universitäts-Assistent des Fachbereiches Sport- und Bewegungs- wissenschaft der Universität Salzburg. Er ist Koordinator von "Sport-Management- Medien" und ist Geschäftsführer des Universitätslehrganges "Sportjournalismus". Der gebürtige Grieche forscht u.a. zum Thema "Sport und Politik am Beispiel der modernen Olympischen Spiele". Siehe Publikationen.

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