Blanke Brüste, das phallische I und unser frustrierendes Sexualleben

28. Februar 2006, 07:00

Warum manch' Kommentar so schwer zu schreiben ist ...

Es gibt Kommentare, die gehen wahrlich schwer von der Tastatur. Das wissen wir nicht erst seit dem fabulierenden Blondschopf aus "Sex and the City". Dabei ist es ja nicht so, als gäbe es nicht ausreichend Themen, deren ausführliche Behandlung notwendig wäre.

Blanke Brüste und Fliesen zum Flachlegen

Da wäre zum Beispiel das "leidige" Thema "Sexismus in der Werbung". Blanke Brüste finden ihren Weg auf Baumarktprospekte, kleine Knabberwürste werden zwischen knappen BHs präsentiert und ein auf einem Fliesenboden knieendes Model soll den atemberaubenden Slogan "Zum Flachlegen" verdeutlichen.

Hier werden Frauenkörper missbraucht und zwar auf unterschiedlichsten Ebenen. Diese Übergriffe passen aber so gut in unser kulturelles Gefüge, in unsere "kulturelle Alltagsgrammatik", dass sie viel zu oft einfach übersehen werden. Frauen und Mädchen leiden überdurchschnittlich oft an Essstörungen, wie Bulimie (Ess- und Brechsucht), Anorexie (Magersucht) oder Fresssucht (Binge Eating). Die Bilder, die von Frauen in der Werbung gezeichnet werden, Models, deren Maße nichts mehr mit denen einer gesunden Durchschnittsfrau zu tun haben, leisten hier ihren großen, ins Verderben führenden Anteil.

Sexualisierung des weiblichen Körpers

Frauenkörper sind sexualisierte Körper. Frauen demnach Wesen, die über ihre sexuelle Ausstrahlung, ihre sexuelle "Tauglichkeit" definiert werden. Während in der Werbung diese sexuelle Konnotation zum skrupellosen "Aufputzen" eigentlich uninteressanter Konsumgüter ge-braucht werden, müssen Frauen mit diesem Stereotyp im alltäglichen Leben zurande kommen. Wenn sie eine Bar betreten, über die Straße gehen, sich allein im öffentlichen Raum aufhalten, eine Vorlesung an der Universität halten, in Verhandlungen ihre Argumente durchsetzen müssen. Immer wird das Aussehen, der Körper taxiert.

Dann wäre noch die Frage der Präsenz von Frauen in der deutschen Sprache zu erwähnen. Und während sich die einen über das "phallische I" lustig machen, darüber beschweren, dass das "Binnen-I" die deutsche Sprache zerstöre, müssen Frauen sich in einer Welt voller männlicher Begriffe und Definitionen wiederfinden. Und wenn sie von Piloten, Ärzten, Lehrern, Politikern und Wissenschaftern hören, die Frauen in diesen Berufen im Geiste hinzufügen.

Aber wirklich cool ist nur Captain Future?

Eine auch überaus interessante Thematik ist die Festschreibung männlicher Vergangenheit und die Banalisierung weiblichen Gedächtnisses. Und da müssen wir gar nicht erst die Defizite der genderblinden Geschichtsschreibung anschauen, die die "großen Männer" und "die große Geschichte" parallel stellt. Schauen wir uns doch einfach die postmoderne Alltags- und Trashkultur an und analysieren "kultige" und "großartige" Werke unseres "kommunikativen Gedächtnisses".

Während Stars und Sternchen aus New Wave, Punk und Fußball, Film und Fernsehen wie Captain Future oder Max Headroom, über die Jahrzehnte hinweg mit einem Retro-Nostalgiezwinkern als unantastbar gelten, werden die selben Phänomene, die vordergründig von Mädchen partizipiert wurden, abgetan. Wer konnte in den letzten Retrowellen über die intensive Lektüre von Hanni und Nanni, Gulla, Trotzkopf und Nesthäckchen, Pünktchen und Anton oder "Dirty Dancing" genauso schwärmen wie über Perry Rhodan? Dabei ist es nur müßig zu erwähnen, dass "Dirty Dancing" sowohl in seiner Behandlung des Themas Abtreibung, als auch in seinen Genderrollen, in der Frage von Macht und Ehre, Intellektualität und Schönheit, ein überaus fortschrittlicher Film ist, der seinen Nachfolger suchen kann.

Manche Kommentare sind eben leichter zu schreiben, ...

... als der letzte als dieStandard.at-Redakteurin. Auch wenn noch so vieles zu sagen wäre, auch wenn es noch so vieles durch die gendersensible Brille zu betrachten gäbe, auch wenn noch so vieles unter den Fingern brennt und so viel durchzudiskutieren wäre. Ich danke dennoch, es hat mich sehr gefreut.

Und falls mich noch einer noch einmal fragen wollte, jetzt, wo es noch geht: Ja, wir von dieStandard.at sind alles hässliche, übergewichtige, vollkörperbehaarte Weiber mit einem frustrierenden Sexualleben und deshalb überzeugte Feministinnen. Richtig, so ist das. :-)

(e_mu)

Mag.a Elke Murlasits war fünf Jahre dieStandard.at-Redakteurin mit Sitz in Graz. Sie hat nun die wissenschaftliche Leitung des "Büro der Erinnerungen", dem zeitgeschichtlichen Gedächntis- und Erinnerungsarchiv am Landesmuseum Joanneum, über.

28.02.2006
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    murlasits
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