Kopf des Tages: Sergej Kirijenko

3. März 2006, 13:10
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Ein russischer Schwarzgurt als Atom-Verhandler

Budo steht im russischen Politik-Olymp hoch im Kurs. Präsident Wladimir Putin trägt den schwarzen Gürtel in Judo, der Chef des Ministeriums für Nationalressourcen Juri Trutnev den in Karate. Karatekämpfer ist auch Tschetscheniens Präsident Alu Alchanov.

Sergej Kirijenko dagegen steht der russischen Aikido-Föderation vor. Aikido treibt er seit 1998 - möglicherweise als Reaktion darauf, dass ihm als politischem Senkrechtstarter damals die Durchschlagskraft gefehlt hat. Präsident Boris Jelzin hatte den damals 35-jährigen Reformer, der Mitte der 80er-Jahre noch Blitzkarriere bei den Kommunisten machte, aus dem Hut gezaubert und vom frisch gebackenen Energie- zum Premierminister gemacht.

"Kindersjurpris" hieß Kirijenko fortan im Volksmund, "Überraschungsei". Als Schiffsbauingenieur ausgebildet, nach dem Ende der UdSSR im Finanzwesen geschult und mit etwas Erfahrung als Privatbankier im Gepäck, bekam es der neue Hoffnungsträger umgehend mit den Großen im Staat zu tun.

Was sein jetziger Chef Putin durchsetzt, hatte Kirijenko 1998 noch den Kragen gekostet: Er wollte Steuernachzahlungen von den großen Betrieben und Überprüfung der Banken. Oligarchen wie etwa Boris Beresowski oder Wladimir Gusinski verteidigten ihre Monopole. Kirijenko musste nach nur fünf Monaten abdanken. Unterstützung im Parlament hatte er nicht gehabt.

Diese hätte er für den nötigen Sparkurs aber gebraucht, denn als Premier hatte er ein hohes Haushaltsdefizit und Binnenverschuldung geerbt. Was folgte, war die Rubelkrise vom August 1998. Bis heute gibt noch ein Fünftel der Russen Kirijenko die Hauptschuld.

Zeitungen verklagt

Der mit einer Ärztin verheiratete Vater dreier Kinder verklagte mehrere Zeitungen, die berichtet hatten, er habe vor dem Crash viel Privatkapital ins Ausland geschafft. Letztlich konnten ihm die Vorwürfe genauso wenig anhaben, wie Berichte, eine Managerausbildung bei Scientology genossen zu haben.

Nur ein Jahr dauerte Kirijenkos politische Pause. Schon 1999 feierte der 1962 im georgischen Suchumi Geborene als Spitzenfigur der liberalen Partei "Union der rechten Kräfte" sein Comeback. 2000 machte Putin den Mann mit dem faltenfreien Knabenantlitz zu einem von sieben Supragouverneuren im Staat (Gebiet Wolga) und gleichzeitig zum Chef der C-Waffen-Abrüstung. Vergangenen November wurde er zum Leiter der Föderalen Agentur für Atomenergie berufen.

Damit ist er für die Atomkraftwerke, Atommülllager und Kernwaffen verantwortlich. Schon sprach er sich für einen Neubau von 40 Atomreaktoren bis 2030 aus. Als Chefunterhändler für den Iran ist er nun auch im internationalen Rampenlicht zurück. Das könnte Gerüchten, er könnte Putin 2008 nachfolgen, wieder neue Nahrung geben. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.02.2006)

Von Eduard Steiner
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    Expremier, Putin-Vertrauter, politisches "Überraschungsei": Sergej Kirijenko.

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