Spanien: Radioaktiv verseuchter Spielplatz

1. März 2006, 08:59
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In Madrid wurde kontaminierte Erde in der Nähe eines Atomforschungszentrums entdeckt

Spaniens dunkle nukleare Vergangenheit kommt ans Licht. Auf einem Spielplatz und einem Fußballfeld unweit des Atomforschungszentrums Ciemat wurden Spuren von Plutonium 239 und Americium 241 gefunden. Die hochaktivradioaktiven Substanzen befinden sich im Boden zwischen 20 Zentimetern und zwei Metern Tiefe.

Das betroffene Grundstück liegt mitten im Universitätsgelände von Madrid. Die Ciemat-Verantwortlichen versuchen die Bevölkerung zu beruhigen. Das verseuchte Freizeitgelände sei nur für Mitarbeiter und deren Familien zugänglich gewesen.

"Keiner weiß so genau, was hier gemacht wurde", sagt ein Sprecher des Nationalen Atomsicherheitsrates (CSN) und zeigt sich von den radioaktiven Funden überrascht. Die Sondierungen, bei denen die radioaktiven Substanzen gefunden wurden, geschahen im Rahmen einer Dekontaminierung: mit dem Ziel, Teile des Ciemat-Geländes anderen Zwecken zuzuführen. Das CSN schließt "weitere Überraschungen in der Gegend" nicht aus.

Gesperrt

Das verseuchte Grundstück wurde weiträumig abgesperrt und wird rund um die Uhr bewacht. Spezialisten in Schutzanzügen heben das verunreinigte Erdreich Schaufel für Schaufel aus. Sowohl Plutonium als auch Americium können nur bei einer Kernspaltung im Reaktor entstehen. In der Natur kommen die beiden Metalle nicht vor.

Das heutige Ciemat wurde 1951 von Diktator Francisco Franco unter dem Namen "Junta für Nuklearenergie" (JNE) eröffnet. Jahrzehntelang ließ der General seine Wissenschafter nach der Atombombe forschen. Auf dem Gelände wurde ein Atomreaktor errichtet. Als Testgelände für einen ersten Sprengsatz war die damalige spanische Kolonie Westsahara vorgesehen.

Doch laut Sicherheitsrat CSN soll es so weit nicht gekommen sein. Als die Spanier die Bombentechnologie endlich hatten, war Franco bereits tot. Die USA drängten Madrid zur Aufgabe der Bombenpläne und zur Unterzeichnung des Atomwaffensperrvertrages.

Abfälle vergraben Anders als der CSN hat Bruno Estrada, Sprecher der Grünen in Madrid sehr wohl Informationen, woher die Verseuchung kommt. "Zum einen gab es einen Unfall 1970, bei dem größere Mengen radioaktiven Wassers austraten, zum anderen wurden in den 60er- und 70er-Jahren an mindestens 20 Stellen auf dem Ciemat-Gelände radioaktive Abfälle vergraben." Die Funde auf dem Sportplatz könnten daher rühren.

In den umliegenden Universitätseinrichtungen sind die Studenten und das Personal sehr beunruhigt. Am nächsten zum Sportplatz ist die Fakultät für Telekommunikation untergebracht. "Hier soll es, sagen die Angestellten, mehrere Fälle von Leukämie gegeben haben", erklärt der Umweltpolitische Sprecher der Gewerkschaft CCOO, Luis Cuena.

Er fordert ein entsprechendes epidemiologisches Gutachten. Auch müsse untersucht werden, ob die kontaminierten Stoffe ins Grund- und ins Abwasser gelangt seien. "Dazu müssen auch in der zuständigen Kläranlage Messungen unternommen werden", fordert Cuena. (DER STANDARD-Printausgabe, 28.02.2006)

Reiner Wandler aus Madrid
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