Kosovo-Premier im STANDARD-Gespräch: "Keine Enklaven und ethnischen Korridore"

3. März 2006, 09:46
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Bajram Kosumi will nicht mit Serbien über die Staatswerdung verhandeln

"Wie die Kosovaren in den nächsten 50 oder 100 Jahren leben ist nicht von realem Interesse für Serbien und deshalb soll es nicht mit Serbien verhandelt werden." Im Gespräch mit dem STANDARD spricht sich der kosovarische Premier, Bajram Kosumi dagegen aus, dass der völkerrechtliche Status bei den Gesprächen in Wien überhaupt auf den Tisch kommt.

"Niemand wird die Frage aufwerfen, ob Kosovo ein Staat werden soll oder nicht." Denn Belgrad könnte das aufgrund vieler interner Gründe ohnehin nicht akzeptieren. "Dieser Punkt wird mit der internationalen Gemeinschaft und mit dem UN-Sicherheitsrat verhandelt", sagt Kosumi.

Die Gespräche mit Belgrad sollten sich auf die Bereiche Dezentralisierung, religiöses und kulturelles Erbe, Ausbildung der Kosovo-Serben, Beziehungen der Kosovo-Serben zu Belgrad, Beziehungen zwischen Kosovo und Serbien, die Rückkehr von Flüchtlingen und Kriegsschäden beschränken.

Vier oder fünf Monate

Der Prozess könne vier oder fünf Monate dauern. Kosumi betonte, dass er bereit sei, den serbischen Premier Vojislav Kostunica zu treffen. Er kann sich neue Gemeinden mit serbischer Mehrheit vorstellen, allerdings ist er gegen das Konzept Belgrads, wonach die Dezentralisierung nach ethnischen Kriterien erfolgen soll.

"Es wird keine Enklaven, ethnischen Korridore oder auf ethnischer Basis errichtete Gemeinden geben." Belgrad hatte bei den Gesprächen in Wien vergangene Woche vorgeschlagen, 16 neue Gemeinden mit serbischer Mehrheit zu gründen. Zurzeit gibt es 30 Gemeinden im Kosovo, davon fünf mit serbischer Mehrheit. Etwa sechs Prozent der Kosovaren sind Serben.

Kosumi betonte, dass er von der Kontaktgruppe - USA, Russland, Frankreich, Großbritannien, Deutschland und Italien - kein Signal erhalten habe, dass die Unabhängigkeit bereits entschieden sei. Die Kontaktgruppe habe bloß festgestellt, dass es kein Zurück zum früheren Status, keine interne Teilung des Kosovo und keinen Zusammenschluss mit einem anderen Staat geben darf. Viel weniger vorsichtig ist der Premier, wenn es um die europäische Zukunft geht: "Im Jahr 2014 werden wir Mitglied der EU sein." (DER STANDARD, Printausgabe, 28.02.2006)

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    Premier des Kosovo, Bajram Kosumi.

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