Noch kein Staat, aber getrennte Welten

14. März 2006, 19:43
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Nach sieben Jahren wird die UNO demnächst den Kosovo verlassen - Die Volksgruppen sind einander aber nicht näher gekommen

Nach sieben Jahren Protektorat wird die UNO demnächst den Kosovo verlassen. Mit oder ohne staatliche Unabhängigkeit - die Volksgruppen sind einander nicht näher gekommen. Ein Lokalaugenschein von Adelheid Wölfl.

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Im Süden, in der Stadt Ferizaj, wo ein Rom aus einer Mülltonne eine blaue Trainingshose zieht, wo keine Ampel funktioniert und die Bahngeleise langsam zur Mülldeponie werden, steht eine orthodoxe Kirche hinter Rollen aus Stacheldraht. "Niemand wird im Kosovo mehr einen Serben attackieren", sagt Muharrem. "Ich wünschte, sie würden zurückkehren." Alles andere sei Vergangenheit. Muharrem hat sogar den Beweis für den Beginn der Zukunft und zeigt seinen UN-Pass: Gültig bis 18. 06. 2006. "Der Kosovo muss heuer ein eigener Staat werden, weil nächstes Jahr unsere Ausweise ablaufen", stellt der 28-Jährige fest.

Mit der Klärung des Status der bisher südserbischen Provinz wird die EU einige Agenden übernehmen und die UN-Verwaltung aufgelöst. "Ich bin froh, wenn die endlich gehen", sagt Muharrem. Andererseits: Wenn die "Internationals" abziehen, verschwinden auch Arbeitsplätze. Muharrem hat heute seinen Job als Verkäufer in einem Elektronikmarkt im US-Militärcamp Bondsteel verloren. Damit hat er vier Jahre seine Eltern und fünf Geschwister ernährt.

Der große gemütliche Joey und die kleine Nonne, deren breites Gesicht aus einem schwarzen Tuch herauslugt, sind ins Geschäft gekommen. Der Amerikaner hat in dem serbischen Ort Gracanica unweit von Prishtina gerade Schnaps gekauft. Schnaps und Honig. "Wenn es ums Business geht, dann ist es völlig egal, zu wem du gehörst", sagt Joey. Auch die Serben machten Geschäfte mit dem nächsten Albanerdorf. "Aber nach der Unabhängigkeit des Kosovo werden alle Minderheiten verjagt", glaubt er. "Die trauen sich ja jetzt schon nicht mehr raus auf ihre Felder."

Joey arbeitet in der UN-Einheit für Verbrechensbekämpfung. Ob es Fortschritte gibt? "Keinen einzigen", sagt er. "Aber die UNO will hier so schnell wie möglich raus und deshalb darf im Moment niemand etwas Kritisches sagen." Gelangweilte Nato-Soldaten bewachen das Kloster aus dem 13. Jahrhundert, alte Frauen bekreuzigen sich unentwegt und entzünden lange Bienenwachskerzen.

"Falsche Nachbarn"

Adem wirkt sehr sauer, während er den Schlaglöchern in Prishtina ausweicht. Der Ministerialbeamte glaubt nicht an die Zukunft, der Kosovo sei zu klein, hätte noch dazu die falschen Nachbarn und würde sich wirtschaftlich nie erholen. "Ich habe seit Jänner keinen Lohn mehr bekommen." Die internationale Gemeinschaft aber interessiere sich nur für Minderheiten. "Sie geben den Serben Privilegien, obwohl die hier tausende Leute umgebracht haben." "Huch, schau her", ruft er hysterisch und zeigt auf zwei Männer, die sich rangeln. Und sagt dann spöttisch: "Keine Angst, da war keiner von einer Minderheit dabei."

Mirjeta die Parlamentssekretärin, ein Handy dort, eines da, immer Kaffee und "Hey Baby" zu allen, Mirjeta findet, dass man sich auf das Richtige konzentrieren muss. "Mir ist egal, von wem dieses Land geführt wird, von Albanern, Serben oder von mir aus von Deutschen. Das einzige was hilft, ist Geld." Sie glaubt, dass irgendwann sogar Albaner auf Albaner losgehen könnten. "Weil sie hier nämlich trotz eigenem Staat keine Jobs bekommen werden."

Aber das sei jetzt allen egal, wegen dem "Komplex". Und wegen eben diesem Komplex hätten die Leute hier auch alles umgedreht: Die Straße hinter dem Parlament ist nach der Kosovobefreiungsarmee U¸CK benannt und der Bezirk Dargodan heißt jetzt Arberia. "So ein Blödsinn", sagt Mirjeta, Mutter Bosnierin, Vater Albaner, Ehemann Türke.

"Was soll ich hier dann noch unter lauter Albanern?", fragt Susana. Sie will nach Serbien, wenn der Kosovo unabhängig wird. Aus dem Café sieht man hinüber zu den anderen. Mitrovica, das bedeutet im Norden die Serben, im Süden die Albaner und auf der Brücke die französischen Nato-Männer. Auf der einen Seite weht jedenfalls die serbische Flagge, rot, blau, weiß und Susana ist bereit zu Reden.

Sie gehört zur KPS, der kosovarischen Polizei, "weil ich blöd war", sagt sie. "Die Polizei taugt hier nichts", meint sie. Viele könnten nicht einmal einen Bericht schreiben und dann die Korruption: "Sogar in Mitteleuropa arbeitet die Polizei mit der Mafia zusammen, also kannst du dir vorstellen wie es hier sein muss." Sie nennt den Handel mit den Mädchen aus der Republik Moldau und der Ukraine, vor allem aber die Drogen.

Streit um Strom

Susana ist nach dem Krieg aus Prishtina in ein Dorf mit serbischer Mehrheit gezogen. "Weil ich Glück hatte", sagt sie. Das Dorf hat auch Glück, denn Susana darf zum Transformator ins Dorf nebenan und den Strom wieder andrehen. Das dürfen nur Polizisten. Der Strom wird nämlich oft abgedreht. "Von den Albanern", behauptet Susana.

Cousine Marija, 21, sitzt daneben und wirft ihre langen Haare, wenn der schöne Kellner kommt. Mit ihrer Arbeit als Übersetzerin für die UNO, erhält sie die siebenköpfige Familie. Ihr Vater ist Ingenieur, er bekommt von der serbischen Regierung noch 100 Euro im Monat, obwohl er schon seit sieben Jahren nicht zur Arbeit nach Südmitrovica kann. "Zu unsicher für uns", sagt Marija. Nach zwei Glas Obstsaft kommt Susana auf die Idee, dass Serbien ohne den Kosovo mehr Chancen habe, der EU beizutreten. "Aber das weiß nur der Herr Solana", sagt Marija.

Fatmire sagt, sie dürfe nichts wissen. In der Schule sei es nicht erlaubt, über Politik zu reden. Die 15-jährige Krankenschwesterschülerin war noch nie in Nordmitrovica. Obwohl sich dort eigentlich ihr Schulgebäude befindet. Nein, Fatmire hat keine serbischen Freunde, sie kennt gar keine Serben, sie kennt auch niemanden, der Serben kennt: "Zu gefährlich eben." (DER STANDARD, Printausgabe, 28.02.2006)

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    Ein Roma-Bub hinter einem deutschen Soldaten. Die Nato wird im Kosovo bleiben, um die Minderheiten zu schützen.

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