Henry James: Die subtile Eleganz des Untergangs

6. März 2006, 21:25
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Seine Romane zählen zu den großen psychologischen Meisterwerken der Weltliteratur: 90. Todestag des amerikanischen Autors

Jetzt wird James selbst als Romanfigur entdeckt. Eine Werkausgabe aber fehlt.


Wien – Häuser – oder genauer: jahrhundertealte Palazzi in Venedig oder Rom, herrschaftliche Landsitze in England – führen in den Romanen von Henry James ein höchst würdevolles, geheimnisreiches Eigenleben. Weit davon entfernt, ihre Bewohner nur zu beherbergen oder deren Stimmungen und Bedürfnisse zu spiegeln, speichern die alten Gemäuer Leben – und Lebensart, jenen europäischen Stil, dessen Erforschung der Amerikaner sein Leben und seine Literatur widmete.

Die unzähligen Abstufungen des Schweigens, der Andeutung, der Herablassung, der minimalen Gesten, in denen sich jenes lebensernste Spiel vollzieht, das sich "Gesellschaft" nennt, finden sich in den 20 Romanen und 112 Erzählungen des großen Beobachters formvollendet geschildert. Das über Generationen hinweg gesponnene Netz feinst nuancierter Hierarchien und ihrer Konsequenz für die Psyche der in ihnen Gefangenen bot dem 1843 in New York als Sohn einer wohlhabenden Familie Geborenen ein unauslotbar reiches Objekt seiner Studien.

Die eigene Faszination für die Schönheit der Form, ihre Anmut und ihre Eleganz lassen seinen klaren Blick jedoch nie die unerbittlichen Zwänge übersehen, mit denen das eng geschnürte gesellschaftliche Korsett die Lebensluft benimmt – vor allem den Frauen. Wohl nicht zuletzt aus diesem Grund sind es hauptsächlich weibliche Protagonisten, deren Lebensentscheidungen im Alter zwischen zwanzig und dreißig Jahren der Romancier gestaltete.

Nahezu nie endete es glück^lich, das Experiment Leben à la James. Daisy Miller etwa, die mutige, lebenshungrige Heldin der gleichnamigen Erzählung (1879) zahlt für ihr vollkommenes Ignorieren jeder gesellschaftlichen Konvention mit einer tödlichen Malaria-Erkrankung, die sie sich des Nachts in Roms Kolosseum holt, an der Seite eines italienischen Verehrers.

Finessen der Intrige

Isabel Archer, Protagonistin eines der bekanntesten Romane von Henry James, The Portrait of a Lady (1881), überlebt zwar, wird jedoch aufgrund ihres Vermögens das Opfer eines sorgsam komponierten Komplotts, das die Amerikanerin in Europa, unvertraut mit den Finessen der Intrige, zu spät durchschaut.

Außer in den Romanen Honoré de Balzacs, dem erklärten Leitbild Henry James', wurde Geld denn auch nie so systematisch in das Zentrum zwischenmenschlicher Beziehungen gerückt: Sein Besitz bietet den Protagonistinnen Unabhängigkeit, lässt sie jedoch unversehens zum Jagdobjekt jener mutieren, denen es daran mangelt.

Zu welchen subtilen Deformationen der Psyche der Zwang führt, sich auf Kosten eines anderen Geld beschaffen zu müssen, führt Schritt um Schritt eines der späten Meisterwerke des Amerikaners vor, The Wings of the Dove (1902). James konfrontiert darin zwei junge Frauen, eine schwerreiche amerikanische Erbin und ihre mittellose englische Freundin – deren einzige Möglichkeit, zu Geld zu gelangen, darin besteht, die sterbenskranke Gefährtin zu hintergehen, um nach ihrem Tod über ihr Erbe zu verfügen.

Anders als für Honoré de Balzac war für Henry James selbst der finanzielle Aspekt seines Lebens nie wirklich ein Thema der Beunruhigung, wenn auch seine Romane viel zu komplex angelegt waren, um je ein großes Publikum zu erreichen.

Bereits sein Vater, Henry senior, einer der angesehensten amerikanischen Intellektuellen seiner Zeit, hatte sein Leben primär damit verbracht, das reiche Erbe seiner Vorfahren in einen umfassenden Wissensgewinn umzumünzen. Mit seiner gesamten Familie – den fünf Kindern, deren zweitältestes Henry war – zog er Jahr um Jahr ruhelos durch Europa. Unterrichtet wurden die fünf durch Privatlehrer auf Stationen in Genf, London, Paris und Bologna.

Auch die Heimat- und Bindungslosigkeit der Jugend mag James' Außenseiterblick auf das Räderwerk der menschlichen Kommunikation geschärft haben. Selbst ging James zeit seines Lebens keine Bindung ein, seine homosexuellen Neigungen sind ebenso reine Spekulation wie die Hypothese, er habe jede Form der Sexualität gemieden.

Das tiefe Verständnis für die Komplexität des psychischen Apparats teilte er mit seinem um ein Jahr älteren Bruder: Jener, William James, wurde einer der bekanntesten Psychologen des späten 19. Jahrhunderts. Beeinflusst von der Philosophie Heraklits ("Niemand steigt zweimal in denselben Fluss") entwickelte er das Prinzip des allmählich sich verändernden Bewusstseinsstroms (stream of consciousness), das Henry James in seinen späten Romanen so virtuos handhabt.

Autor als Romanfigur

An seinem heutigen neunzigsten Todestag ist zwar noch immer keine deutschsprachige Gesamtausgabe in Sicht, noch immer muss sich der Leser sein Werk, über viele Verlage verstreut, zusammensuchen, gleich zwei Autoren haben jedoch die Begabung des Henry James zur zentralen Romanfigur entdeckt.

Der Ire Colm Toíbín widmet ihm ein behutsames Porträt des Meisters in mittleren Jahren (Hanser Verlag), in welchem er die Fährte seiner Strategien des Rückzugs aufnimmt, seine Lust an der Einsamkeit schildert.

Ähnlich, wenn auch weniger subtil, verarbeitet David Lodge in Autor, Autor (Haffmans bei Zweitausendeins) des Meisters Leben.

Der Weg zur Wiederentdeckung eines der größten amerikanischen Romanautoren des späten 19. Jahrhunderts scheint jedenfalls endlich gebahnt. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.2.2006)

Von Cornelia Niedermeier
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    Detail aus dem Buch: "Transatlantic Sketches" von Henry James

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