Mütter als Stiefkinder der Gesellschaft

31. März 2006, 20:34
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Hilde Schmölzer über das "Auslaufmodell Mutter" und die Utopie einer neuen Gerechtigkeit

In ihrem kürzlich erschienenen Buch "Die abgeschaffte Mutter. Der männliche Gebärneid und seine Folgen" beklagt die Autorin Hilde Schmölzer die gewaltsame Zerstörung gewachsener Zusammenhänge in dieser Welt, in der Mütter zum Auslaufmodell und Anachronismus geworden seien: "Fehlende Kinderbetreuungseinrichtungen, drohender Jobverlust, geringe Pension sind nur einige der gebetsmühlenartig zu wiederholenden Nachteile, die eine freie Entscheidung ins Reich der Märchen verweisen." Gemeint ist die Entscheidungsfreiheit der Frauen, Mütter zu werden.

Herrschaft der verkehrten Verhältnisse

Die "alte Göttin", die "Verheißung der Wiedergeburt", ist laut Hilde Schmölzer 3000 Jahre vor unserer Zeit getötet worden. Zwar gab es noch bei den RömerInen Göttinnen, doch seien diese zum Spielball gewalttätiger Götter verkommen. Diesen "Muttermord" bezeichnet Schmölzer als Beginn des Patriarchats: Damit seien die Verhältnisse auf den Kopf gestellt worden und der Mann zur Mutter der Frau avanciert, als Gott aus Adams Rippe die Frau erschaffen haben sollte. Zweitere hingegen ein Teil des Mannes geworden, reduziert auf einen defizitären Körper.

"Die männliche Geistgeburt"

Der männliche Gott, der seinen Maßstab aufdrängt und das Weibliche wegschaffen müsse, gebiert mit seinem Kopf - entsprechend der Kopfgeburt der Pallas Athene durch Zeus. Das Abstrakte wird dem Lebendigen übergeordnet, erst die Idee bringe Unsterblichkeit hervor. Dieser Dualismus, der den Geist auf- und die Materie abwertet, entspricht laut Hilde Schmölzer der Spaltung der Menschen in Herrscher und Beherrschte: Ungleichheit und Ungerechtigkeit seien Produkte dieses männlichen Denkens genauso wie Vernichtung. Diesen Kopfgeburten entsprechend wird die Atombombe von ihren geistigen Vätern "Baby" genannt.

"Der geöffnete Frauenleib"

Die ersten stationären Kliniken waren Gebäranstalten, wo Frauen aus ärmlichen Verhältnissen ohne Schande uneheliche Kinder gebären konnten, diese aber zu Forschungszwecken freigeben mussten. Der männliche Mediziner erschloss sich den Zugang zum weiblichen Körper, Hebammen und ihr "elendes Weiberhandwerk" wurden ab Mitte des 18. Jahrhunderts verstärkt zurückgedrängt. Seither befindet sich der Bereich der Gynäkologie in Männerhand. So seien am Wiener AKH 70 Prozent der FrauenärztInnen männlich, in den österreichischen Bundesländern sei die Situation noch dramatischer. In einer genauen historischen Darstellung zeichnet Schmölzer die stets zunehmende Regulierung der Mutterschaft bishin zur aktuellen Medikalisierung der Schwangerschaft nach. Die Kontrolle über den weiblichen Körper gehe mit dessen Ausbeutung als reproduktive Maschine einher. Die Reproduktionstechnologien seien Folge dieser jahrhundertelangen Entwicklung.

Überforderte Mütter

Die vielgerühmten Ideen der Aufklärung von Freiheit und Gleichheit galten nur dem männlichen Geschlecht, die Aufklärung habe ohne die Frauen stattgefunden. Schmölzer zeigt in in der Folge auf, dass diese strukturell angelegte Ungleichheit noch längst nicht überwunden ist. Skrupellos spricht sie dabei oft Unausgesprochenes an: Frauen, vor allem Mütter seien überfordet. Deren Entscheidung ein Kind in die "von Leistungsdruck, Stress, Effizienz und Profit beherrschte Welt" zu setzen, sei alles andere als eine freie Entscheidung: Da die androzentristische Definitionsmacht den Kinderwunsch noch immer als "natürlichen" Wunsch der Frauen vorsieht, sei es nicht vorgesehen, die mit Mutterschaft verbundenen Nachteile aus dem Weg zu räumen. Es gebe also keine Wahlfreiheit für Frauen, die den vorherrschenden Androzentrismus gleichermaßen verinnerlicht hätten: Laut Schmölzer werden immer höhere Anforderungen bei gleichzeitiger Diskriminierung an Mütter gestellt.

Alternativen

Finanzielle Anreize wie das Kindergeld sind für Schmölzer keine Lösung der Diskrepanz zwischen den Erfordernissen der Mutterschaft und einer selbständigen weiblichen Existenz. Auch der vielbeschworene "neue Mann" würde das Problem nicht an der Wurzel fassen können, schließlich sei die tradtitionelle Familienstruktur in Auflösung begriffen. Vielmehr müsse einer Anpassung an männliche gewachsene Strukturen entgegengearbeitet werden: Frauen sollen endlich zu Mitgestalterinnen der Gesellschaft werden, wozu ihnen bisher die notwendige Entscheidungsmacht fehle. Für Hilde Schmölzer haben Frauen "ein anderes Verständnis für die Erfordernisse des Lebens", sie könnten "eine andere Entwicklung" einleiten. Die Autorin möchte eine im Gegensatz zu den Zukunftsversprechungen der Reproduktionstechnologien positive Utopie formulieren, für die dringender Bedarf gegeben sei. (Ruth Kager)

Hilde Schmölzer:
Die abgeschaffte Mutter
Der männliche Gebärneid und seine Folgen
Wien: Promedia 2005
ISBN 3-85371-241-X
21,90 Euro

Zum Bericht über die Podiumsdiskussion: "Die abgeschaffte Mutter"
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    foto: promedia
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