3.3.2006: Rechtschreibreform ist nachgebessert

17. Juli 2006, 12:59
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Deutsche Kultusminister einig - Österreich wird nachziehen, Schüler erhalten mehrjährige Übergangsfrist

Berlin - Die Rechtschreibreform soll in strittigen Bereichen geändert werden. Die deutsche Kultusministerkonferenz (KMK) stimmte am Donnerstag in Berlin den Änderungsvorschlägen des Rats für deutsche Rechtschreibung zu. Damit soll zugleich ein Schlussstrich unter die seit mehr als zehn Jahren erbittert geführten Auseinandersetzungen gezogen werden.

Österreich wird sich den Änderung der Rechtschreibreform voraussichtlich anschließen. Die korrigierten Regeln gelten wahrscheinlich ab dem kommenden Schuljahr an den österreichischen Schulen, hieß es aus dem Bildungsministerium. Es werde jedoch eine Übergangsfrist von einem Jahr geben, was die Anrechnung von Fehlern betrifft. Zunächst werde versucht, einen politischen Konsens darüber herzustellen.

SPÖ kann sich österreichischen Sonderweg vorstellen

"Ernsthaft über einen österreichischen Sonderweg" diskutieren will SPÖ-Bildungssprecher Erwin Niederwieser. Die jetzigen Änderungen trügen "unübersehbar die Handschrift des erzkonservativen 'Staatsministers a.D.'. Zehetmair und konservativer Medien in Deutschland", so Niederwieser in einer Aussendung. "Wirklich sinnvolle Reformen" wie eine "Komplettabschaffung des 'ß' oder Schritte hin zur gemäßigten Kleinschreibung" seien dagegen gar nicht debattiert worden.

Keinesfalls dürfe Bildungsministerin Elisabeth Gehrer den Änderungen für Österreich diskussionslos zustimmen, meinte Niederwieser. Das Thema müsse "schleunigst auf die Tagesordnung des parlamentarischen Unterrichtsausschusses gesetzt werden". Generell stellten die nun geplanten Änderungen "einige Schritte zurück im Kampf für eine praktische und leichter erlernbare deutsche Rechtschreibung" dar. Ein Sonderweg Österreichs sei kein Problem, so Niederwieser: Einen solchen würde etwa die Schweiz mit der Komplettabschaffung des "ß" schon seit Jahrzehnten praktizieren.

Übergangsfrist für Schüler

Von den geplanten Änderungen bei der Rechtschreibreform vorerst unberührt bleiben die Schüler. Für sie bleibt zumindest vorerst alles beim Alten: Schon bisher waren jene Bereiche, für die der Rat für deutsche Rechtschreibung die jetzt erfolgten Änderungen angekündigt hatte (v.a. Bereiche der Getrennt- und Zusammenschreibung sowie Groß- und Kleinschreibung), vom In-Kraft-Treten am 1. August 2005 ausgenommen. Laut einem Erlass des Bildungsministeriums vom vergangenen Sommer sollte für die Zeit der Diskussion im Rat in den Schulen "Toleranz geübt werden" und sowohl alte als auch neue Schreibweise zulässig sein.

Eine solche Toleranzfrist soll auch in den kommenden Schuljahren gelten. Im Gespräch ist derzeit eine mindestens dreijährige Frist. Sowohl die vom Rat vorgeschlagenen Änderungen als auch die Reform-Schreibweisen sind dann zulässig. Grund dafür ist unter anderem, dass eine Umstellung der Schul- und Wörterbücher nicht von heute auf morgen erfolgen kann.

Weitere "Entschärfung": Für viele Schreibweisen bei der Getrennt- und Zusammenschreibung gibt es Wahlmöglichkeiten. Zum Beispiel kann es statt der Reformschreibweise "kennen lernen" bzw. "schwer krank" auch wieder "kennenlernen" bzw. "schwerkrank" heißen. Daneben eröffnen die Rats-Empfehlungen sogar neue Wahlmöglichkeiten: Sowohl in der alten als auch in der neuen Rechtschreibung hieß es etwa "eine Wand rot streichen" - nun darf auch "eine Wand rotstreichen" geschrieben werden.

---> Grundzüge der neuen Regeln

Mehr zusammengeschrieben

Die Änderungen betreffen besonders strittige Teile der Getrennt- und Zusammenschreibung, der Groß- und Kleinschreibung, Zeichensetzung und Silbentrennung. So soll wieder mehr zusammengeschrieben werden - vor allem dann, wenn ein einheitlicher Wortakzent vorliegt wie "abwärtsfahren", "aufeinanderstapeln" oder "querlesen".

Bei feststehenden Begriffen wie "der Blaue Brief", "der Runde Tisch", "das Schwarze Brett" soll wieder "dem allgemeinen Schreibgebrauch" gefolgt und groß geschrieben werden. Die verabschiedete Rechtschreibreform sah hierbei nur noch wenige Ausnahmen vor ("Heiliger Vater"). Verbindlichere Komma-Regeln sollen wieder für ein besseres Leseverständnis sorgen. Die Anrede "Du" in Briefen kann auch wieder groß geschrieben werden.

Die deutschen Minister bezeichneten die Änderungen als gute und tragfähige Grundlage für die Fortentwicklung der Rechtschreibung. Die abschließende Entscheidung treffen in Deutschland die Ministerpräsidenten am 30. März. Die Schweiz will die Korrekturen noch nicht übernehmen und zunächst bei der ursprünglichen Reform bleiben. Die Schweizer Erziehungsdirektoren prüfen die Frage voraussichtlich entweder am 9. März oder am 22. Juni.

Rat statt Duden

Von den 38 ehrenamtlichen Mitgliedern des Rates für deutsche Rechtschreibung kommen je neun aus Österreich und der Schweiz sowie je einer aus Liechtenstein und der Autonomen Provinz Bozen-Südtirol. Das Expertengremium war als Konsequenz aus der anhaltenden Kritik an der Reform eingesetzt worden und hatte seine Arbeit im Dezember 2004 aufgenommen.

Als denkbar gilt, dass dem Rat künftig die Beobachtung der Rechtschreibung als Dauer-Aufgabe übertragen wird - wie dies von 1966 bis 1996 der private "Duden"-Verlag im Auftrag der KMK gemacht hat. Dafür müsste allerdings die KMK ein neues Konzept auch für die Finanzierung des Rates beschließen.

Verlagsreaktionen

In ihrem Beschluss appelliert die KMK zugleich an alle Verlage und Medien, "sich im Interesse der Einheitlichkeit der deutschen Rechtschreibung" der nunmehr abgeänderten Reform anzuschließen. Die Zeitungen des Springer-Verlags wie "Bild" und "Welt" waren wie zuvor schon die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" zur alten Schreibung zurückgekehrt. Der Springer-Verlag hatte die Vorschläge des Rates aber bereits vergangene Woche begrüßt. Die deutschsprachigen Nachrichtenagenturen werden in der kommenden Woche über einen gemeinsamen Vorschlag zur Umsetzung der Empfehlungen beraten.

Nach der Änderung der Rechtschreibreform soll am 22. Juli eine neue Duden-Ausgabe in den Buchhandel kommen. Mit der Entscheidung der Kultusminister, die Vorschläge des Rates für deutsche Rechtschreibung anzunehmen, werde die von ihr seit Jahren geforderte Sicherheit in Fragen der Ortografie wiederhergestellt, teilte die Dudenredaktion am Donnerstag in Mannheim mit. Die Rechtschreibreform könne damit als abgeschlossen betrachtet werden. Das Standardwerk "Die deutsche Rechtschreibung" erscheint in der 24. Auflage.

---> Anschauungsbeispiele

Änderungen für die Rechtschreibreform

Rechtschreibreform Empfehlung des Rats für deutsche Rechtschreibung
Bankrott gehen bankrottgehen
näher kommen näherkommen
Eis laufen eislaufen
Kopf stehen kopfstehen
aufeinander stapeln aufeinanderstapeln
richtig stellen richtigstellen
übrig bleiben übrigbleiben
verloren gehen verlorengehen
eng verwandt (auch:) engverwandt
jmdm. Freund sein jmdm. freund sein
Leid tun leidtun
sitzen bleiben (im übertragenen Sinn: In der Schule...) sitzenbleiben
Essen warm machen Essen warm machen/warmmachen
Wand blau streichen Wand blau streichen/blaustreichen
Klasse sein (sein Spiel ist Klasse) klasse sein (sein Spiel ist klasse)
Recht haben (auch:) recht haben
sich zu Eigen machen sich zu eigen machen
jenseits von gut und böse jenseits von Gut und Böse
das schwarze Brett (auch:) das Schwarze Brett
gelbe/Gelbe Karte Gelbe Karte
du (in Briefen auch:) Du
Big Band (auch:) Bigband

(APA/Reuters/dpa/sda)

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